Berlin : Katzenjammer am Hindukusch

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Sie liegt auf ihrem Kissen im Erker dieses achtstöckigen Hauses in Berlin-Mitte, das Brandenburger Tor ist gleich um die Ecke. Weil es ein modernes Haus ist, hat der Erker keine Ähnlichkeit mit den bunt verglasten Ausbuchtungen alter Häuser. Er ist ein Glaskasten mit Sprinkler und Spot in der Decke, könnte ein Terrarium sein.

Frau Hoffmann bewegt sich nicht, als ich zu ihr in den Kasten gehe. „Na, wie gefällt es dir in Berlin?", frage ich.

„Mies", sagt sie. „Mies“ ist in der Katzensprache leicht auszusprechen: ein kurzes „Miau“, und wir wissen Bescheid.

„Ich gebe zu, dass sich die Stadt von hier oben nicht sonderlich attraktiv präsentiert", sage ich. „Aber da drüben recht, der Potsdamer Platz, das ist doch eindrucksvoll, oder nicht?"

Sie zuckt mit dem Schwanz. „Eindrucksvoll? Ja, bei Nacht, weil man dann den Hindukusch dazwischen nicht sieht." (Hindukusch: Bei Jauch wäre sie die Millionenkatze.)

„Sie fangen ja gerade erst an, den Platz zu bebauen", erkläre ich die Sandhaufen.

„Es ist trostlos!"

„Soll es ja auch sein."

„Warum ist es noch nicht fertig?"

„Nichts ist hier fertig. Revolutionen, Administrationen, Subventionen, nichts."

„Gibt es Subventionen?"

„Ja, immer. Aber nicht für Katzen."

„Und warum nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht…"

„Nein, tut ihr nicht", unterbreche ich sie, bevor sie den ganzen Shakespeare deklamiert. Seit sie einmal wochenlang in einer Bücherkiste schlafen musste, protzt sie mit ihrer Bildung.

„Für jedes Schwein, das mies gelebt hat und geschlachtet wird, kriegen eure Bauern Subventionen. Auch ich bin durch halb Europa chauffiert worden und lebe wie ein Hund im Hindukusch…“

Das mit ihrem Transport tut mir wirklich Leid. Aber Katzen kann man nicht mit der Post verschicken. Katzen sind anspruchsvoll. Im Auto beanspruchen sie mehr Platz als knutschende Teenager, und wenn man sie fragt, wie sie sich in einem Haus in Berlin- Mitte fühlen, maulen sie.

Vielleicht liegt es aber an der Stadt. In einem Interview mit der „Berliner Zeitung" beklagt Sven Regener (,Herr Lehmann’) den „generell schlecht gelaunten ruppigen Ton" der Berliner. Tatsächlich verlernen sogar Japaner das Lächeln, wenn sie sich länger als 48 Stunden in der Stadt aufhalten. Aber länger als 48 Stunden hält es hier kein Tourist aus. Einmal die „Linden“ rauf und runter, rein ins Adlon, raus aus dem Adlon und dann Postkarten kaufen mit dem Reichtag.

„Da unten fahren ja nur Autos! Kein Spaziergänger weit und breit."

„Wer spaziert schon gern im Hindukusch?"

Sie überlegt. Aber der fällt ihr nicht ein. Sic transit gloria mundi. „Und warum blinkt da drüben die ganze Nacht ein grünes Licht?" - „Vermutlich der Eingang einer Parkgarage." - „Oder ein vegetarisches Restaurant?" Nichts verabscheut sie mehr als vegetarische Kost. Gras frisst sie nur, um hinterher zu kotzen. Glücklicherweise wächst hier nur Beton.

Fortsetzung folgt am nächsten Sonntag

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