Kaufhaus-Schließung : Bei Hertie in Moabit sind die Regale leer

Das Ende von Hertie in Moabit kommt offenbar einen Tag früher als erwartet: In der Turmstraße sind fast nur noch Billig-Badehosen, Glühbirnen und Groschenromane zu haben. Die Schnäppchenjagd ist für die Beschäftigten ein schwer zu ertragender Anblick.

Jennifer Fraczek[ddp]
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Ein letztes Mal. Kunden freuen sich über die Schnäppchen bei Hertie. -Foto: dpa

Fast ein wenig zynisch wirken die Sprüche auf den Schaufenster-Aufklebern des Hertie-Kaufhauses an der Berliner Turmstraße. "Ein letztes Mal zu Hertie. Auf geht's Berlin! Jetzt die besten Preise sichern" und "Hertie sagt Buy-Buy!" ist darauf zu lesen. Die Filiale in Moabit steht unmittelbar vor der endgültigen Schließung - als erstes von drei Häusern in der Hauptstadt. Während die Kunden sich über Schnäppchen freuen und den Laden zu Hunderten stürmen, schwankt die Stimmung bei den rund 15 Beschäftigten, die an diesem Freitag die kümmerlichen Warenreste verwalten, zwischen Geschäftigkeit und Resignation. Bis auf Betriebsratschef Mario Ratajczak will keiner von ihnen mehr etwas zur Schließung des Kaufhauses sagen.

"Die Mitarbeiter sind einfach fertig", begründet Ratajczak ihr Schweigen. Viele von ihnen hatten bis zuletzt gehofft, dass sich noch ein Investor für die seit Ende Juli 2008 insolvente Kaufhauskette finden würde, erzählt der 40-Jährige. Als dann vor rund zweieinhalb Monaten bei einer Gläubigerversammlung in Essen beschlossen wurde, dass alle Filialen - 54 im gesamten Bundesgebiet - bis Ende Juli/Anfang August geschlossen werden, sei das für alle ein Schock gewesen.

Erst vier von 50 haben neuen Job

In der Turmstraße waren zuletzt knapp 50 Mitarbeiter beschäftigt. Erst vier von ihnen haben einen neuen Job gefunden. Für die anderen führt der Weg vorerst in die Arbeitslosigkeit - auch für den Betriebsratschef.

Ratajczak selbst hat 23 Jahre in der Moabiter Hertie-Filiale gearbeitet. Insgesamt wirkt er gefasst an diesem Tag, aber als eine Frau - offensichtlich eine langjährige Stammkundin - auf ihn zukommt, ihm die Hand schüttelt und alles Gute für die Zukunft wünscht, muss auch er schlucken: "Das sind die Momente, in denen ich mich zusammenreißen muss", sagt er.

Abgesehen von den direkt betroffenen Hertie-Mitarbeitern könnte die Schließung aber auch für die Ladenbesitzer in der unmittelbaren Umgebung Folgen haben. "Für Moabit brechen jetzt düstere Zeiten an", ist sich Ratajczak sicher. Viele der umliegenden Geschäfte hätten von dem Kundenstrom des Hertie-Kaufhauses profitiert. "Wenn der jetzt wegbricht, stehen im schlimmsten Fall weitere Schließungen an", befürchtet er.

Filialen in Schöneberg und Tegel schließen Ende kommender Woche

Auch insgesamt könnte die Attraktivität des Viertels, das von Imbissen, Tabak- und Ramschläden dominiert wird, damit weiter sinken. Schon jetzt gehört die Turmstraße zu einem von sechs Gebieten in Berlin, die künftig "städtebaulich gefördert werden sollen", weil sie eine "schwierige Struktur" mit hoher Fluktuation, hoher Arbeitslosigkeit und vielen Sozialhilfeempfängern aufweisen, wie ein Sprecher des Senats für Stadtentwicklung sagt. Wie viel Geld dafür zur Verfügung stehen wird, steht noch nicht fest - auch wie die Hilfe genau aussehen soll, wird erst Mitte des kommenden Jahres entschieden.

Auch Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) rechnet damit, dass die Schließung des Kaufhauses "nicht ohne Folgen für die Umgebung bleiben" wird. Eine Schwächung der Wirtschaftskraft Berlins insgesamt sei aber dadurch nicht zu befürchten.

In den anderen beiden Berliner Filialen, in Schöneberg und Tegel, sollen gegen Ende der kommenden Woche die Lichter ausgehen. Wann genau, hängt davon ab, wie der Abverkauf läuft. In Moabit waren schon am Freitagmittag nahezu alle Regale leer. (ho/ddp)

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