Kaufkraft : Arme Mitte, reicher Speckgürtel

16.908 Euro hat der Durchschnittsberliner in diesem Jahr zur Verfügung. Im Bundesvergleich ist das wenig - trotz leichter Zuwächse. Während in der Innenstadt die Einkommen schwächeln, kommen zum wohlhabenden Westen neue Aufsteiger im Südosten hinzu.

Bettina Schwarz
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Die Berliner City liegt beim Einkommen weit unter Bundesdurchschnitt. Im Südwesten und Südosten sieht es genau umgekehrt aus. -Grafik: Tsp

Rund 400 Euro mehr als im Jahr 2007 werden die Berliner dieses Jahr im Portmonee haben – zumindest im Durchschnitt. Pro Kopf wird die Kaufkraft in der Hauptstadt im laufenden Jahr um etwa 2,4 Prozent auf 16 908 Euro steigen. Das geht aus der neuesten Studie des Nürnberger Marktforschungsunternehmens GfK-Geomarketing hervor. Doch Udo Radtke, Einzelhandelsexperte bei der GfK, relativiert die auf den ersten Blick gute Nachricht: Im Vergleich zum erwarteten Bundesdurchschnitt von 3,8 Prozent werde das Berliner Wachstum bescheiden sein. Und bundesweit beträgt die Kaufkraft bereits rund 18 800 Euro. Auch wird der Geldsegen in Friedrichshain, Lichtenberg oder im nördlichen Neukölln wohl weitaus bescheidener ausfallen als beispielsweise in Wannsee, Heiligensee oder Mahlsdorf.

Wenig Anlass zur Freude haben die Berliner auch mit Blick auf die Ergebnisse der Vorjahre. So zeigt die aktuelle Prognose, dass der Anstieg der Einkommen weiter nachlassen und der sogenannte Kaufkraft-Index um 1,2 Prozent auf 90,3 (Bundesschnitt = 100) zurückgehen wird. Damit gehört Berlin im Bundesvergleich zu den Absteigern. Die Hauptstadt befindet sich dabei allerdings in Gesellschaft von Städten wie Bremen, Hamburg und Stuttgart.

Marktforscher Radtke hat für Berlin auch Positives zu berichten: Bei genauer Betrachtung zeige sich, dass der Rückgang im Index zwischen 2006 und 2007 noch mehr als doppelt so groß war. „Die negative Entwicklung ist somit erkennbar gebremst“, folgert der Fachmann. Ein Grund dafür seien neue Jobs.

Allzu viel wird von dem Plus in den meisten Haushalten nicht übrig bleiben, denn auch die Lebenshaltungskosten steigen. Für 2008 erwartet die Bundesregierung im Schnitt eine Teuerungsrate von 2,3 Prozent. Stiegen die Kosten weiter stark, schmälere das auch das Konsumvermögen der Bürger, sagt Radtke.

Ganz besonders auf den Cent achten müssen dabei die Bewohner rund um den Moritzplatz in Kreuzberg. Mit einem Kaufkraft-Index von 77,4 liegen sie innerhalb der Stadt ganz hinten. Am ehesten im Konsumrausch schwelgen dürfen die Zehlendorfer und Dahlemer. Dort liegt der Index bei 126,8 – der Spitzenwert in Berlin. Generell aber zeigen die GfK-Ergebnisse, dass fast das gesamte Stadtzentrum Berlins unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Teils sind die niedrigen Budgets mit einer hohen Zahl von Studenten zu erklären, teils mit vielen Migranten, die wenig Geld zur Verfügung haben. Nur im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf liegen einige Kieze auf dem deutschen Mittel. Treptow, Tempelhof und Mitte schrammen knapp daran vorbei. Über dem Bundesschnitt liegen nur die traditionell wohlhabenderen Randbezirke im Südwesten, Nordwesten – und zunehmend auch die im Südosten. Biesdorf im Altbezirk Marzahn gehört ebenso zu den Aufsteigern wie die Köpenicker Ortsteile Wilhelmshagen und Grünau.

Dass die Kaufkraft besonders im Innenstadtbereich schwächelt, erklären die Nürnberger Marktforscher in erster Linie mit dem Wegzug Gutsituierter in die Randbezirke und ins Umland. „Einige Landkreise dort verzeichnen Kaufkraftzuwächse über dem Bundesschnitt“, sagt Radtke (siehe Artikel unten). Eine solche Entwicklung sei auch in anderen Städten erkennbar.

Nach Ansicht der Senatsverwaltung für Wirtschaft ebbt die Abwanderungswelle aber mittlerweile nicht nur ab, sondern beginnt sogar langsam zurückzuschwappen. Lag der sogenannte Wanderungssaldo Berlins 1996 noch bei minus 30 000 Menschen, waren es vor zwei Jahren nur noch minus 9000.

Dem Einzelhandel der Stadt schade die Kapitalflucht aus dem Zentrum ohnehin nicht, glaubt der Marktanalyst Radtke. Schließlich sei das Warenangebot dort immer noch exklusiver und vielfältiger als im Umland. Das wiederum locke viele Brandenburger zum Einkaufen in die City-West, nach Steglitz zur Schloßstraße und nach Mitte zum Alexanderplatz.

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