Berlin : „Kaum auszuhalten, aber wunderbar“

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Von Frank Thadeusz

Ein Teil des Geheimnisses ist: Rebecca hat gar keinen Bock auf Liebe. Zumindest nicht auf die Art, die ihr der Typ mit dem eng taillierten Shirt und den unzweideutig kreisenden Hüftbewegungen offeriert. Und man kann nur raten, dass das auch mit der ziemlich unsexy wirkenden Ameisenbrille auf seiner Nase zu tun hat. „Hey, die sieht ja fertig aus“, kann Rebecca gerade noch piepsen. Würde sie sich nur für einen Moment in den stark spiegelnden Gläsern beobachten, sähe sie ein Mädchen, das ebenfalls ziemlich fertig aussieht. Zum Glück ist ihre Freundin bei ihr, die ihr solidarisch den Arm reicht und besorgt und mit schriller Stimme fragt: „Hast du schon gebrochen? Oh Gott, brechen am Vormittag ist wirklich das Schlimmste“.

„Herrjeh“, mag da der leicht pikierte Beobachter denken, mögen derlei peinliche Begebenheiten doch im großen Strom der Musik versinken. Aber was sollen die kleinlichen Bedenken. Jetzt, da selbst Polizisten mit bunten Plastik-Pumpguns Wasser in die Menge feuern, wo alles egal ist und „nur der Augenblick zählt“, wie ein gut geschminkter junger Mann verrät. Dieser Augenblick, das weiß er, ist „geil, geil, geil“. Und das ist eben auch ein Teil des Geheimnisses.

Irgendwo taucht im nächsten Augenblick Ronaldo auf. Jedenfalls sieht er dem brasilianischen Star-Kicker verdammt ähnlich. Ronaldo ist in gutem Trainingszustand und kann sich im Vergleich zu anderen den „Oben-ohne“-Look durchaus erlauben. Dass er jetzt nur „uuuaaarrggghh“ schreit, wäre normalerweise ein Affront, ist in dieser Situation aber okay. Ronaldo muss nachladen. Nein, nicht sein Plastik-Gewehrchen, sondern flüssige Verpflegung. „Nimm zwei Bier, da kriegst du noch ’nen Kurzen dazu“, bietet ein Straßenverkäufer an. Solche Deals sind schnell gemacht. Von wegen Pillen-Party!

Überhaupt, die Mythen rund um die Love Parade. Zum Beispiel, dass alle sich lieb haben: Einmal verfolgt ein Transvestit, der mit seinen High Heels etwa 2,50 Meter groß ist, eine ziemlich dicke und verunsicherte Frau. Soll alles nur für ein Foto gut sein, aber die Frau fällt über eine Absperrung, was durchaus nicht lustig ist.

Dann taucht plötzlich ein Gerücht auf, das eine größere Gruppe ziemlich in Unruhe versetzt: „Manuela und die anderen Girls sind am Brandenburger Tor“, schreit einer. Sofort setzt Jubel ein, aber dann folgt auch die ernüchternde Frage: „Wie sollen wir jetzt zum Brandenburger Tor kommen?“ Denn ganz egal, ob da nun 700 000 oder nur 400 000 Menschen auf der Straße des 17. Juni tanzen, man verliert ganz schnell den Überblick.

Und es stellen sich andere Fragen: Wie fühlt sich etwa jener Mann, der bei 35 Grad in praller Sonne ein Hemdchen über seine kolossale Plautze gestreift hat, das aussieht, als wäre es kunstvoll aus einer Damenstrumpfhose zusammengenäht worden. Wie geht es den Girls mit den flauschigen Flokati-Riesenstiefeln in Pink oder Schwarz, die sie in jedem Fall wetterfest machen für den nächsten sibirischen Winter. „Die sind doch wirklich sexy“ behaupten sie und, nein, „überhaupt nicht warm“. Ob sie die Wahrheit sagen, bleibt eines der vielen Geheimnisse der Love Parade.

Antworten kann es in diesen Stunden nicht geben. Nicht hier, nicht jetzt. Vielleicht Annäherungen, wie von dem schon nicht mehr ganz jungen Herrn, der aber in seinem „Ahoi-Brause“-T-Shirt eine wirklich mehr als passable Figur abgibt. Und der zum Großereignis extra aus dem baden-württembergischen Ulm angereist ist. „Es ist eigentlich kaum auszuhalten, aber es ist wunderbar“, versichert er glaubhaft.

Und vielleicht ist das auch schon das ganze Geheimnis der Love Parade.

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