Berlin : Kaum geklaut, schon abgehakt

Berlin ist ein Paradies für Fahrraddiebe: große Auswahl, kleine Aufklärungsquote. In Potsdam ist die Polizei erfolgreicher

Jörn Hasselmann

Ein hohes Risiko gehen die Täter nicht gerade ein: 22 362 Fahrraddiebstähle wurden im Jahr 2004 in Berlin angezeigt. Aufgeklärt wurden davon 1247. Alle anderen Fahrradbesitzer bekamen nach kurzer Zeit ein formloses Schreiben der Staatsanwaltschaft mit dem lapidaren Satz: „Der Täter wurde leider nicht ermittelt.“

In Berlin liegt die Aufklärungsquote seit Jahren bei fünf oder sechs Prozent, es geht allerdings auch anders: Potsdam löste vergangenes Jahr 39 Prozent der Fälle – das ist bundesweit Spitze. Aber auch die für mehrere Ost-Bezirke zuständige Polizeidirektion 6 ist mit acht Prozent besser als der Berliner Schnitt – dort gibt es eine eigene Ermittlungsgruppe „Fahrrad“. Diese wurde gerade von fünf auf neun Beamte aufgestockt. Vergangene Woche haben sie an acht Orten 120 Radfahrer kontrolliert – und dabei sämtliche Rahmennummern mit den Fahndungslisten abgeglichen. Ergebnis: Ein Rad war gestohlen.

2004 verschwanden in Potsdam 1426 Räder – das Risiko ist angesichts der Bevölkerungszahl also 50 Prozent höher als in Berlin. Zwei der Ermittler kümmern sich dort ausschließlich um dieses Delikt, „aber alle anderen Potsdamer Polizisten auch“, wie der Leiter der Potsdamer Kriminalpolizei, Dirk Volkland, sagte. So werden zum Beispiel bei Verkehrskontrollen immer die Rahmennummern abgeglichen. Zudem codiere die Polizei jährlich 600 Räder, dies schrecke Diebe ab. Bislang sei noch nie ein codiertes Rad gestohlen worden.

In Berlin dagegen wird bei den wenigen, von der Polizei angebotenen Codier-Terminen nicht einmal nach einem einheitlichen System (siehe Kasten) gearbeitet. Teilweise wurden die Rahmennummern statt des vorgeschriebenen Codes eingefräst, teilweise wird nicht an der richtigen Stelle der Code eingraviert. Der im LKA für Prävention zuständige Jens-Oliver Heuer kündigte jetzt an, noch einmal alle Dienststellen an die seit acht Jahren geltende Dienstanweisung zu erinnern. „Die wird offensichtlich nicht ernst genommen“, sagte Heuer.

Und einheitlich ermittelt wird in Berlin auch nicht. In den West-Berliner Polizeidirektionen werden Fahrraddiebstähle dezentral auf den einzelnen Abschnitten bearbeitet – „verwaltet“, wie Kritiker sagen. „Wenn der Dieb nicht gerade seinen Personalausweis am Tatort verloren hat, gibt es für uns nichts zu ermitteln“, beschrieb ein leitender Ermittler das Procedere. Üblich sei ein Telefonat mit dem Bestohlenen, wenn der keine Hinweise auf einen Täter habe, würde das Verfahren sofort an die Staatsanwaltschaft abgegeben – die es dann ebenso zügig einstellt. Andere Delikte seien dringender, heißt es bei der Kripo, das Personal sei zu knapp. Es ginge aber auch ohne Aufstockung besser: Der Präventionsbeauftragte im LKA, Heuer, kritisiert, dass „leider viel zu selten“ bei Verkehrskontrollen die Rahmennummer mit der Fahndungsliste abgeglichen werde.

Einen Vorsprung haben die Potsdamer Ermittler: Der dortige Hauptbahnhof wird rundherum mit Videokameras überwacht. Sieben – überwiegend professionell arbeitende – Diebe konnten in diesem Jahr so schon auf frischer Tat festgenommen werden. In Berlin lehnt der Datenschutzbeauftragte eine derartige Überwachung strikt ab.

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