Berlin : Kaum Zeit zum Kauen

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Von Elisabeth Binder

Endlich war es mal gestattet. Beim ersten Talk-Together, zu dem Sabine Christiansen ihre Gäste eingeladen hatte, durften alle nach Herzenslust durcheinander reden. Jeder so lange und so viel, wie er wollte. Und mit wem er wollte, an Auswahl herrschte kein Mangel. Ein normaler Mensch muss wahrscheinlich mindestens eine Flasche Champagner trinken, um einen Zustand des Wohlseins zu erreichen, den ungehemmte Redechancen bei Politikern verursachen. Trotzdem hielt sich der Geräuschpegel im Restaurant Borchardt in Grenzen.

Das mag daran gelegen haben, dass sich immer neue Talk-Gemeinschaften zusammenfanden und dass Politiker letztendlich auch ganz gesittet sein können, wenn sie nicht vor dem Wahlvolk ihre verbalen Muskeln spielen lassen müssen. Sie haben es ja gern auch ein wenig heimelig, nutzen Nischen, lassen sich immer mal wieder in raunenden Grüppchen nieder, um dann erneut aufzubrechen zu anderen Allianzen und Konfrontationen.

Zusammen mit dem Kölner Menschenversammler und Medientreff-Organisator Manfred Schmidt hatte Sabine Christiansen Borchardt-Chef Roland Mary überredet, sein Restaurant an diesem Abend nur geladenen Gästen zu öffnen. Damit schlug sie, wie Heinz Dürr zu berichten wusste, Christo und Jeanne-Claude, die stattdessen im Capital Club eine Ordensverleihung feierten.

Die Talk-Gesellschaft hielt sich vorbildlich in Bewegung, arbeitete den Raum möglichst effektiv durch: Wolfgang Clement und Sigmar Gabriel zum Beispiel, Laurenz Meyer und Friedrich Merz, Franz Müntefering und Herta Däubler-Gmelin, Jürgen Trittin, Otto Graf Lambsdorff, und Staatssekretär Walther Stützle, Guido Westerwelle und Wolfgang Schäuble, Hans-Olaf Henkel und Klaus Wowereit. Renate Künast, Rita Süssmuth, Heide Simonis und Bremer Bevollmächtigte Kerstin Kießler traten (unter anderem) gegen den ewigen Vorwurf an, dass zu wenig Frauen auftreten. Gerade Sabine Christiansen gilt ja inzwischen als Pionierin einer Generation von Frauen, die sich die Politik im Fernsehen erobert haben und die weichen Themen lieber Männern überlassen. Dass ihre Sendung auch Spiegelbild eines Landes ist, das sich dringend ändern muss, kann man ihr schlecht anlasten.

Es waren nicht nur redselige Talk-Politiker, sondern zum Beispiel auch die Unternehmerin Jette Joop und der Medienanwalt Matthias Prinz da. Den Charme-Faktor erhöhte Leoluca Orlando, jener legendäre Anti-Mafia-Kämpfer und Bürgermeister von Palermo, der sich nach zwei Amtszeiten vorübergehend aus der Politik verabschiedet hat, um seine Kreativität in dem Film „Palermo flüstert“ auszuleben und seine Trauer über die derzeitigen italienischen Verhältnisse zum Ausdruck zu bringen. „Deutschlands erfolgreichste Polit-Talkshow feiert ihre Gäste“ lautete das Motto der Veranstaltung.

Wo gefeiert wird und nicht gearbeitet, muss eine kleine Prise des berlintypischen Glitzerglamours her. Es ging schon auf zwölf, da entstand in der Nähe des Eingangs erhebliche Unruhe, die allgemeines Hälserecken hervorrief. Als es dann Udo Walz war, der seinen Auftritt inszenierte, fühlten sich manche Ländervertreterzu einem wissenden Lächeln provoziert. So ist Berlin, wie man es sich immer vorstellt draußen im Lande. Dabei hatten viele nicht mal mitbekommen, dass sich auch die Schlagzeilen gebeutelte Shawne Fielding im dunklen Kostüm (knieumspielend) höchst dezent mit alten Freunden unterhielt und es sichtlich genoss, mal nicht von Blitzlichtern verfolgt zu werden.

Angesichts dessen, was kommen mag, geraten die Schlagzeilen von gestern rasch in Vergessenheit. „Wir sind zwar weißblau, aber unpolitisch“, sagte der Repräsentant eines großen bayerischen Unternehmens, als wolle er einen neuen Trend propagieren. Klar, im Wahljahr hat man sich besonders viel zu sagen. Wie ein roter Faden zog sich das Lob für die Fairness der Gastgeberin durch die Gespräche. An die Fairness der Gäste werden die kommenden Wochen und Monate sicher neue Anforderungen bereithalten. Lustig zu sehen, wie die Kellner die Gäste immer wieder auffordern mussten, sich zu bedienen von den knusprigen Schnitzeln und der pikanten Pasta. Schon eine kleine Kaupause wird in diesen Kreisen offensichtlich als redeverschenkte Zeit gewertet. Insofern war Talk-Together nicht nur ein Moment der Entspannung und Atmosphärenpflege, bevor der Sturm so richtig losgeht, sondern auch ein Modell für die Zukunft. So könnte ein Motivationscamp für die am Sonntag zu ewiger Disziplin verdammten Talkgäste gut aussehen.

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