Berlin : Kegeln in der Kälte

Eisstockschießen ist der Wintersporttrend für Bewegungsmuffel – sozusagen Betriebsfeier on the rocks

Uta Falck

„Hier hat noch nie einer gespielt, der Ahnung hatte“, sagt Unne – so stellt sich die gute Seele von der „Alten Eisbahn“ in Lankwitz der Besucherin vor. Dafür sei aber bislang jeder begeistert von der Bahn gegangen. Eisstockschießen sei eben ein toller Sport: Man brauche keine Vorkenntnisse, kaum Kondition, aber doch Sensibilität bei der Handhabung des 4,3 Kilo schweren Eisstocks – so schwer wie eine volle Einkaufstüte. Der Eisstock hat die Form einer Saugglocke, dem hilfreichen Werkzeug bei verstopften Abflussrohren. Körper und ergonomisch geformter Griff sind aus Holz, der Fuß steckt in einem schweren Metallband. Richtige Meisterschaften gibt es, etwa nächstes Wochenende. Viele schießen aber nur aus Spaß, etwa bei Betriebsfeiern on the rocks.

Eisstockschießen kann man unterschiedlich spielen. Für seine Besucher gestaltet Unne die Regeln möglichst einfach, er sagt zum Eisstockschießen auch Eis-Boccia. Es gibt ein dreimal sechs Meter großes Rechteck, das Haus. Darin liegt eine dicke, bewegliche Scheibe aus Hartgummi, die Daube. Die Spieler stellen sich 23,5 Meter vom Haus entfernt auf und werfen den Eisstock aus dem Schwung heraus möglichst nah an die Daube. Wer am dichtesten ans Ziel herankommt, holt Punkte für seine Mannschaft, doch darf man sich nicht zu früh freuen: Die gegnerische Mannschaft kann den gut platzierten Eisstock und die Daube beiseite schieben. Wie beim „Mensch ärgere dich nicht“-Spiel.

In dieser Saison avancierte die neue Lankwitzer Eisstockschießbahn ebenso wie die Eisbahn Spandau oder „Boccia on Ice“ im Sony Center zur beliebten Partyadresse: Wer nicht kegelt oder bowlt, geht aufs Eis. In Lankwitz kann man zudem eine gemütliche achteckige Feuerhütte zum Aufwärmen mieten, ebenso einen Grill. An der Holztheke gibt es Glühwein. Berlins Politiker ermitteln alljährlich beim „Politischen Eisstockschießen“ in Mitte auf dem Bebelplatz, wer besser trifft: Abgeordnete oder Senatoren.

Eisstockschießen gibt es schon mindestens 450 Jahre; Pieter Breughel, der Ältere malte 1565 die Schützen in seiner „Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle“. Damals schossen vor allem Bauern und Handwerker Eisstöcke über zugefrorene Seen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es erste Wettkämpfe, 1926 Deutsche Meisterschaften im Eisstockschießen. In Berlin wurden 1960 erstmals eigene Meisterschaften durchgeführt, damals im Eisstadion Neukölln. Seit 1983 werden Weltmeister aus 30 Nationen ermittelt, die amtierenden Champions bei Männern und Frauen sind Deutsche.

In Berlin trainieren regelmäßig rund 80 Eisstockschützen – in Bayern sind es 75 000, sagt Günter Marschall vom Berliner Eisstock-Club. In immerhin sieben Vereinen sind sie organisiert, trainiert wird mittwochs im Erika-Hess-Eisstadion. Bei den Deutschen Meisterschaften belegte eine Berliner Damenmannschaft zuletzt den sechsten Platz unter 13 Teams. „Wenn unser Chef nicht Bayer wäre, hätten wir hier keine Eisstockbahn“, sagt Unne. Bei den Meisterschaften „haben wir die Bayern aber sehr geärgert“, sagt die Berliner Obfrau fürs Eisstockschießen, Marianne Hoffmann. Und ergänzt frech: Sollte der Titel je an einen Flachländer gehen, würden sich die Bayern wohl geschlossen in den Inn stürzen.

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