Berlin : Kehrseite der Medaille

Britta Steffen wird gefeiert – ihr ist es zu viel Trubel

Philipp Hauner

Alle wollen Britta. Als kurz nach 10 Uhr ein schwarzes Auto sich dem Vereinsheim nähert, ist es auch schon belagert von Fotografen und Kamerateams. Britta Steffen hat sichtlich Mühe, die Tür zu öffnen, auszusteigen und sich eine Gasse zu bahnen. Der Präsident des Sportvereins, Michael Steinke, hatte kurz vor ihrer Ankunft gesagt, dass der Sieg von Britta in Peking der größte Erfolg in der Geschichte des Vereins sei. Steinke ist ein gemütlicher Mann mit Schnauzer, der sich normalerweise durch nichts aus der Fassung bringen lässt. Doch an dem Abend, als Britta Gold erschwommen hat, habe auch er geweint, bekennt der Vereinsboss.

Mit der Beschaulichkeit, die sonst im Britzer Schwimmbad herrscht, war es schon lange vor dem Eintreffen der 24- Jährigen vorbei. Kinder jubelten Probe, Kamerateams postierten sich, Blumensträuße wurden ausgepackt und der Teppich noch einmal sauber gekehrt. Er ist blau, nicht rot. Denn die Schwimm-Gemeinschaft Neukölln erwartet „ihre“ Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen. Mit ihrem Triumph in Peking ist sie aus dem Schatten von Franziska van Almsick getreten, in dem seit Jahren alle Berliner Schwimmerinnen standen.

Steffen umarmt Steinke und geht dann zu dem großen, roten Holztor, das ein China-Drachen ziert. Sie signiert und wird von zwei Frauen im Seidenkleid in Empfang genommen – ehemalige Weggefährtinnen. Sie begleiten sie zu einem Schuppen auf dem Vereinsgelände. Die Szene mutet fast komisch an: Britta Steffen trägt ein in goldenes Papier gewickeltes Geschenk vor sich, hält es mit beiden Händen steif vor ihrem Körper, als würde es gar nicht ihr gehören. Sie ist umringt vom Pressepulk: „Britta hier!“, „Frau Steffen, smile!“. Doch sie bewegt ihren Kopf weder nach links noch nach rechts, lächelt kein einziges Mal. Nur einmal dreht sie ihren Kopf beiseite und flüstert zu einer Freundin im China-Dress: „Schwimmen ist einfacher als hier durchzugehen.“

Schon beider Ankunft in Tegel mied sie den Kontakt zu Journalisten. Ihre Managerin hatte zuvor noch versucht, die Berichterstatter abzuwimmeln. Es wäre völlig zwecklos, zum Flughafen hinauszufahren, denn die Schwimmerin habe den Flug in letzter Sekunde umgebucht. Natürlich kam Steffen mit dem vorhergesehenen Flug – und nahm dann den Hinterausgang.

Als der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky ihr die Ehrennadel im übervollen Schuppen verleiht, scherzt er: „Vielleicht sollten wir unser Neuköllner Wappen ändern und neben dem Kelch der Böhmen Brittas Gesicht platzieren.“ Die Journalisten lachen, die Vereinsmitglieder auch, nur die Olympiasiegerin schaut ins Leere.

Alle wollen ein Stück Britta, alle zerren an ihr – und es scheint fast so, als ob am Ende von ihr wenig übrig bleibt. Auf die Frage, wie es denn weitergehe, antwortet sie leise: „Ich glaube, wenn jeder Tag so abläuft wie heute, und bisher war jeder Tag so wie heute, dann komm’ ich überhaupt nie wieder bei mir an.“

Und dann fährt Britta Steffen nach Schwedt, zu ihren Eltern. Die hat sie nämlich noch gar nicht gesehen, seit sie aus China zurück ist. Philipp Hauner

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