Berlin : Kein brutaler Badetag im Altenheim

Prozess um angebliche Misshandlung einer 84-Jährigen endete mit einem Freispruch

Kerstin Gehrke

Die Heimbewohnerin jammerte laut, sie schrie. Da waren zwei Pflegekräfte gerade dabei, sie abzuduschen. Angeblich wurde der Strahl direkt auf das Gesicht der an Demenz leidenden Frau gerichtet. Hart, unbarmherzig.

Das soll sich vor fast fünf Jahren in einem Weddinger Seniorendomizil abgespielt haben. Der mutmaßliche Täter erfuhr erst drei Jahre später, dass der Badetag strafrechtliche Konsequenzen haben sollte. Gestern prüfte das Amtsgericht den Vorwurf einer rohen Misshandlung.

Auf der Anklagebank saß ein 28-jähriger Mann, der damals als Hilfspfleger in dem Heim arbeitete. „Ich mache so etwas nicht, ich habe Respekt vor dem Alter“, sagte er. An die 84-jährige Frau, die er an jenem Tag gemeinsam mit einer ebenfalls ungelernten Kollegin badete, konnte er sich gut erinnern. „Sie saß im Wannenlift, wurde erst schön gebadet, dann hochgekurbelt.“ Als er den Schaum von ihrem Beinen brausen wollte, habe sie sich beschwert. „Das Wasser war ihr zu kalt.“ Er habe die Temperatur erhöht, sie habe dennoch geschrien.„Ich habe ganz schnell gemacht.“ Doch zwei andere Mitarbeiterinnen des Heimes wollen etwas Unerhörtes beobachtet haben: eine Misshandlung.

Gestern aber widersprachen sie sich. Die eine sagte: „Ein harter Strahl ging genau ins Gesicht.“ Die andere erklärte: „Der Strahl ging auf den Körper.“ Dabei habe nicht der Angeklagte, sondern die junge Kollegin die Rentnerin geduscht. Die 84-Jährige habe um Hilfe geschrien. „Was macht ihr mit der Frau?“, will eine Zeugin gerufen haben. Dann gingen sie und ihre Kollegin aber weiter.

Vor Gericht gaben die Zeuginnen gestern zu, nicht geprüft haben, ob die jammernde Frau möglicherweise mit kaltem Wasser gequält wurde. Beide Frauen sind examinierte Pflegekräfte, seit Jahrzehnten im Dienst, bis heute arbeiten sie in dem Heim, das auf seiner Homepage einen Spruch Mutter Teresa zitiert: „Freundliche Worte können kurz und leicht ausgesprochen werden, aber ihr Nachklang ist unendlich.“ Davon war wohl an jenem Tag im Heim nicht viel zu spüren.

Der Angeklagte sagte, dass er sich vor den Vorwürfen in einer Teamsitzung über Missstände beschwert und unbeliebt gemacht habe. Es könne nicht sein, dass Ungelernte Doppelschichten schieben müssen und Examinierte „Holiday machen“. Zudem seien er und die junge Kollegin, die mit im Bad war, zum Ärger anderer Mitarbeiterinnen ein Paar gewesen. Einige Monate nach der angeblichen Misshandlung bekamen beide die Kündigung. Ein Grund sei nicht mitgeteilt worden, sagte der Angeklagte. Als er einen Anwalt einschaltete, sei plötzlich von einem Vorfall im Bad die Rede gewesen.

Doch was sich tatsächlich abgespielt hat, war im Prozess nicht aufzuklären. Die Rentnerin ist inzwischen verstorben. Der Angeklagte konnte nach einem „Freispruch aus tatsächlichen Gründen“ aufatmen. Offen blieb auch die Frage, warum dieser Prozess überhaupt eröffnet wurde.

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