Berlin : Kein Dialog ohne Toleranz

Es ist höchste Zeit für eine Islamkonferenz

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Von Ehrhart Körting In Berlin-Pankow gibt es eine Bürgerinitiative gegen den Bau einer Moschee. Die deutschen Muslime fordern eine Entschuldigung vom Papst, weil ein von ihm verwendetes Zitat von 1391 Mohammed vorwirft, nur Schlechtes und Inhumanes gebracht zu haben. Nachdem es weltweit – auch gewalttätigen – Protest gegen den Abdruck von Mohammed-Karikaturen gegeben hat, setzt die Deutsche Oper Berlin eine Inszenierung ab, in der in einer Schlussszene die abgeschlagenen Häupter aller Religionsstifter – darunter auch Mohammed und Jesus – zu sehen sind.

Die Beispiele belegen, dass es Zeit ist für einen Dialog mit den Muslimen in Deutschland und Europa, und ebenso für einen Dialog der Muslime mit Deutschland und Europa.

Wir werden auf der Islamkonferenz über Religionsfreiheit reden, aber auch über die uneingeschränkte und absolute Geltung unserer Grundrechte. Wir werden über die Freiheit, Moscheebauten zu errichten, reden, über Islamunterricht an staatlichen Schulen, über Jugendförderung, über Frauenförderung und Gleichberechtigung, über Diskriminierung am Arbeitsmarkt oder bei der Wohnungssuche. Wir werden darüber reden, dass Muslime wie auch Gläubige anderer Religionen – hier nenne ich ausdrücklich die Juden aus der früheren Sowjetunion – bei uns in Deutschland zu Hause sind. Wir werden darüber reden, was wir verbessern können, damit die Muslime in Deutschland noch stärker erleben, dass sie zu uns gehören.

Alles Reden aber ist vergebens und jede Vereinbarung ist vergebens, wenn wir nicht eine gemeinsame Grundlage haben. In zwei Dingen müssen wir uns einig sein, sonst ist unser Forum „auf Sand gebaut“, wie es im christlichen Matthäus-Evangelium heißt (7,26):

Eine der Grundlagen ist das Verhältnis von Kirche und Staat in einer westlichen Demokratie. Der Staat ist der Überbau, das Dach, unter dem die Religionen frei sind. Der Staat ist für alle Menschen da, auch für die Nichtglaubenden und die Andersglaubenden. Die Religion ist nur für die jeweils Glaubenden da. Ich betone das deshalb, weil wir in Europa die Frage „Kirche und Staat“ nicht neu diskutieren. „Nach Canossa gehen wir nicht“ ist ein von Bismarck geprägtes, geflügeltes Wort geworden. Es spielt auf die Unterwerfung Heinrich IV. unter den Papst Gregor VII. im Jahre 1077 an. Die Vorherrschaft der Kirche über den Staat ist für uns Mittelalter. Und ich sage bewusst „Kirche“: Es geht nicht um die Bedeutung des Glaubens oder der Religion für den Staat. Es geht darum, dass menschliche Repräsentanten eines Glaubens nicht über dem demokratischen Staat stehen dürfen. Der Bann, der sich nicht auf religiöse Unterwerfung bezieht, die Fatwa, die einen Menschen für vogelfrei erklärt, geht nicht nur über menschliche Befugnisse hinaus, sondern ist ein Verbrechen gegen unsere Verfassung.

Die andere Grundlage ist ein gemeinsames Verständnis vom Dialog. „Dialog“ heißt „Gespräch“ oder „Unterredung“. Dialog ist das Ich und das Du. Ohne die Akzeptanz des Du gibt es keinen Dialog. Das heißt auch, dass ich die (religiöse) Position des anderen auch dort akzeptieren muss, wo sie meiner eigenen entgegensteht. Das Wesen des Glaubens besteht ja gerade darin, dass der jeweils andere Glaube Irrglaube oder Unglaube ist: Der Islam leugnet wesentliche Grundsätze unseres christlichen Glaubens. Einen Kernsatz unseres Glaubens, dass Jesus Gottes Sohn war, leugnet er. In Verkennung des Wesens der Dreieinigkeit, nämlich der Allmacht Gottes, wirft er den Christen Vielgötterei vor. Das wird in jedem islamischen Lehrbuch gedruckt. Es wird millionenfach beim Freitagsgebet wiederholt, anderswo und in Deutschland. Für den Islam sind Christen Nichtrechtgläubige. Das gilt umgekehrt genauso. Für Christen ist Mohammed kein heiliger Prophet, für Christen sind Muslime Nichtrechtgläubige.

Man kann nur an das eine oder an das andere glauben. Deshalb habe ich auch die Reaktionen auf die Vorlesung von Benedikt XVI. in Regensburg nicht verstanden, und ich toleriere sie auch nicht. Für die katholische Kirche ist die Religion des Islam per se, per definitionem Falschglaube, so wie für Muslime die Religion der katholischen Kirche per se, per definitionem Falschglaube ist. Wer vom Andersgläubigen Entschuldigung dafür fordert, dass er anders glaubt, muss noch Dialogfähigkeit lernen.

Das gilt für beide Seiten. Gemeinsam müssen wir für die Freiheit des jeweils Andersdenkenden eintreten. Das gilt selbst und gerade dann, wenn die eine Seite sich verletzt fühlt wie bei den Mohammed-Karikaturen.

Der Autor ist SPD-Politiker und Innensenator von Berlin. Er nimmt heute an der Islam-Konferenz teil.

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