Berlin : Kein Ende, ein Anfang

Stephan Hille verlor seinen Job bei Samsung Jetzt ist er Altenpfleger – und glücklicher als früher

Stefan Jacobs

Das Ende von Stephan Hilles erstem Leben ist noch keine zwei Jahre her. 24 von bis dahin 41 Lebensjahren hat er in Oberschöneweide Bildröhren gebaut, im VEB Werk für Fernsehelektronik, das nach der Wende Samsung hieß, 30 Millionen Euro Fördermittel kassierte und zum Ablauf der damit verbundenen Frist nicht nur Hille rauswarf, sondern fast die gesamte Belegschaft. Ralph N., einer von 750 Gefeuerten, stand kürzlich vor dem Amtsgericht Tiergarten, weil er in der Arbeitsagentur bei laufendem Betrieb ein Büro angezündet hatte – nach eigener Aussage, um ins Gefängnis zu kommen, wo er wenigstens ein Dach über dem Kopf haben würde. Er erhielt zwei Jahre, auf Bewährung.

Es kann aber genauso gut völlig andere Folgen haben, wenn Menschen die Existenz genommen wird. Was auch möglich ist, zeigt sich im Treptower Altenpflegeheim des Union-Hilfswerkes, wo Stephan Hille in weißer Hose, weißem Poloshirt und grünen Plastikschuhen auf Station 3 unterwegs ist. „Na, Frau Horn, wollen Sie mit in die Zeitung?“, fragt er eine weißhaarige Dame, die in ihrem Rollstuhl sitzt und aus dem Fenster auf die Straße schaut, in der nichts los ist. „Meine Lieblingsfrauhorn“, sagt Stephan Hille und schiebt die alte Dame in Position für die Fotografin. Frau Horn, die eben noch skeptisch aussah, drückt ihre Wange fürs Foto möglichst fest an seine, und als er sagt: „Frau Horn ist ja die Jüngste hier, die ist erst 35“, da winkt sie ab und kann nur mühsam „dreiundneunzig“ sagen, weil sie fast platzt vor Lachen.

Eigentlich hat Hille schon Feierabend, aber darauf achtet er weniger, seit er hier arbeitet. Die Vorstellung, alten Leuten das Leben zu verschönern, schien ihm schon reizvoll, während er noch mit den Kollegen um seinen Job als Anlagentechniker kämpfte. Er wusste nur nicht, wie das sein würde.

Um es herauszufinden, meldete er sich nach Bewerbungstraining und 200 Stunden Schulung zu einem Praktikum im Heim. Durchziehen oder für immer lassen, war die Frage, die Hille binnen 14 Tagen klären wollte. Aus den zwei Wochen wurde ein halbes Jahr, in dem er möglichst viel lernen wollte, während ihn noch die Auffanggesellschaft bezahlte, die der Betriebsrat den Samsung-Managern abgetrotzt hatte und die nach ihrem Abschluss zum Monatsende wohl gut zwei Dritteln der Ex-Kollegen irgendeine neue Beschäftigung verschaffen wird. Jetzt hat er einen Vertrag bis August 2008. Er will seinen Job so machen, dass seine neuen Chefs ihn nicht wieder gehen lassen können. Die Bewohner wollen ihn schon deshalb behalten, weil „Musik zum Zuhören und Mitsingen mit Stephan“ fester Bestandteil des auf einer Tafel im Flur annoncierten Unterhaltungsangebots geworden ist. Hille musste nur sein ostdeutsches Liedermacher-Repertoire um 20er-Jahre-Schlager erweitern. Und wenn er Reinhard Mey singt, kommen neuerdings auch Angehörige von Heimbewohnern.

Er hat hat sich auch eine neue Gitarre geleistet, obwohl er das Geld zusammen- halten muss, weil er deutlich weniger verdient als früher. Aber mit dem Gehalt seiner Frau reicht es, um die Raten fürs Haus zu bezahlen. „Und wer ist jeden Morgen glücklich, wenn er zur Arbeit geht? Ich schon.“

Wie zum Beweis kommen immer wieder Kolleginnen vorbei, während er am wachstuchgedeckten Tisch im Esszimmer sitzt und erzählt. Man winkt oder herzt sich kurz oder scherzt, und dann kommt auch noch seine Lieblingsfrauhorn in ihrem Rollstuhl um die Ecke gebogen. Sie hat ihn nicht bemerkt, und weil sie schwer hört, kann er auch in ihrem Beisein erzählen, wie sie ihm morgens meistens genau dann etwas erzählen will, wenn er gerade ihre Dritten putzt und sie nicht sprechen kann. Sie lallt, er grinst, dann lachen sie beide. „Wenn ich früher eine Maschine repariert habe, war der das wurst“, sagt Hille. „Wenn ich aber bei Frau Horn bin und die ist so glücklich – das ist ein völlig anderes Leben.“

Zu Hilles anderem Leben gehören auch neue Prioritäten. Sich über kleine Dinge zu freuen, beispielsweise, wie über die zwei Bonbons, die Frau Horn ihm jeden Morgen schenkt, an dem er Dienst hat. Und die Größe kleiner Dinge zu erkennen – also nicht mehr die Zeitung zu vergessen, die er einer Bewohnerin jeden Tag mitbringt. „Als ich einmal ohne Zeitung ankam, war der Tag für die gelaufen“, sagt Hille. Er hat sich angewöhnt, genauer zuzuhören. Die Leute hier haben ja auch so viele Geschichten, sagt er.

Frau Horn liegt mit ihren 93 Jahren ziemlich genau im Altersdurchschnitt der Bewohner. Die alten Menschen zu waschen und ihre Windeln zu wechseln, fällt Hille nicht mehr schwer. Nur an den Tod hat er sich noch nicht gewöhnt. Fünf Menschen sind gestorben, seit er hier arbeitet. Bei manchen merkt man vorher, wenn es soweit ist, sagt er. Dreien hat er die Hand gehalten, bis sie losgelassen haben. Gehört halt zum Leben dazu, sagt er. Und dass die Menschen dann jemanden haben sollten, der bei ihnen ist. Stefan Jacobs

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