Berlin : Kein Feind, kein Ruhm

Bundesfamilienministerin Christine Bergmann tritt ab – nicht freiwillig, aber ohne Gesichtsverlust

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Von Brigitte Grunert

Schon vor dem Wahlsonntag war es in der SPD ein „offenes Geheimnis“, dass Bundesfamilienministerin Christine Bergmann keine guten Chancen haben würde, auch einem zweiten Bundeskabinett unter Gerhard Schröder anzugehören. Sie selbst machte allerdings keineswegs den Eindruck, als hätte sie mit ihren 64 Jahren Lust aufs Altenteil. Sie habe „noch viel zu tun“, und der Kanzler habe ihr „ordentliche Arbeit“ bescheinigt, sagte sie. An diesem Dienstag dann gab Frau Bergmann von sich aus ihren Rückzug bekannt. „Ich stehe nicht mehr zur Verfügung“, sagte sie der Sächsischen Zeitung. Sie habe „das Feld gut bestellt, jetzt kann ich es Jüngeren übergeben“. Dass sie sich für kein weiteres Wort sprechen lässt, hat vermutlich mit ihrer Selbstdisziplin zu tun. Sie zelebriert ihren Abschied nicht; sie war nie eine Selbstdarstellerin.

Ob der freiwillige Rückzug wirklich eine seit längerem geplante Entscheidung war, bezweifeln ihre Berliner Parteifreunde sehr. Sie müsse wohl einen Wink bekommen haben, mit dem ihr der Verzicht nahe gelegt wurde. In der Berliner SPD wird natürlich bedauert, dass ein Zugpferd in Pension geht. Aber der Kanzler, weiß man, müsse sein Kabinett verjüngen. Nur Otto Schily (70) sei „eine Bank“, Christine Bergmann für Schröder „nicht so wichtig“. Sie hat keine Feinde, aber sie hat eben für sich selbst nie die Werbetrommel gerührt. In der Partei wird allerdings auch geflüstert, Frau Bergmann habe nicht genug mit dem Pfund der Familienpolitik gewuchert, die im Bundestagswahlkampf eine unerwartet große Rolle gespielt habe.

Erschwerend für ihre Aussichten auf das Ministeramt kam hinzu, dass sie am Wahlsonntag den Sprung in den Bundestag verfehlt hat. Sie hatte in dem für die SPD härtesten Wahlkreis Hellersdorf-Marzahn kandidiert – und diese PDS-Hochburg behauptete Petra Pau. So gesehen, war es ein schwacher Trost, dass es ihr gelang, den Vorsprung der PDS gegenüber der Bundestagswahl 1998 von 20 auf vier Prozent bei den Erststimmen zusammenzuschmelzen. Am Montag soll Frau Bergmann in der Präsidiumssitzung der SPD recht niedergeschlagen gewirkt haben.

Christine Bergmann gehört zu den östlichen Politikern der ersten Stunde, deren Stern erst nach dem Mauerfall aufging. Nun geht ihre Karriere bereits zu Ende. Gewiss, die 64-Jährige wird sich auch weiterhin der Parteiarbeit widmen. Sie will sich im SPD-Forum Ostdeutschland betätigen. Das soll künftig ihr „Hauptfeld“ sein. Außerdem ist sie seit 1990 stellvertretende Landesvorsitzende der Berliner SPD und Mitglied des Bundespräsidiums der Partei. Niemand wird ihr wohl diese Funktionen vor den nächsten innerparteilichen Wahlen 2004 streitig machen, sie hat ja keine Gegner. Doch da sie weder ein Bundestagsmandat noch ein Ministeramt hat, ist ihr Einfluss begrenzt.

Als Präsidentin der freigewählten Ost-Berliner Stadtverordnetenversammlung ging Christine Bergmann, gebürtige Dresdenerin und studierte Apothekerin, 1990 ihre ersten Schritte in die Politik. Nach dem Mauerfall war sie der neu gegründeten Sozialdemokratie der DDR beigetreten. Sie gewann rasch Popularität, eine hartnäckige „Powerfrau“ mit warmherziger Ausstrahlung. Seit 1991 war sie als Bürgermeisterin und Arbeitssenatorin im CDU/SPD-Senat unter Eberhard Diepgen hoch geachtet. 1998 holte Schröder sie ins Bundeskabinett. Der Abgang aus dem Kabinett fällt ihr gewiss nicht leicht.

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