Berlin : Kein Grund zur Schwermut

Morgen öffnet in der Neuen Nationalgalerie die Ausstellung „Melancholie“. Sie scheint wie gemacht für Berlin

Sebastian Leber

In Paris war die Ausstellung eine Sensation. In gerade mal drei Monaten strömten 300 000 Besucher in das Grand Palais in der Nähe der Champs-Élysées, um die Ausstellung „Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst“ zu sehen. „Dabei gilt Paris doch gar nicht als melancholische Stadt, eher als opulente Stadt der Lichter“, sagt Kurator Jörg Völlnagel.

Wenn schon das Pariser Museum dauernd überfüllt war, wie lang werden dann erst die Schlangen vor der Neuen Nationalgalerie, wenn die Ausstellung dort ab morgen zu sehen ist? Sind die Berliner nicht viel empfänglicher für Schwermut – bei all den leeren Kassen, den Arbeitslosen und der wachsenden Armut in der Stadt? Und bei dem langen, grauen Winter? Dass Berlin per se eine melancholische Stadt sei, will Kurator Völlnagel so nicht stehen lassen. Er ist selbst Berliner und kennt die Stadt „auch als sehr lebendig und lebensfreudig“. Außerdem bedeute Melancholie ja nicht zwangsläufig etwas Schlechtes: „Sie gehört zu jedem normalen Menschen, auch wenn manche das nicht wahrhaben wollen.“ Wohl auch deshalb, weil sie mitunter nicht den besten Ruf hat. Was daran liegt, dass viele Melancholie mit Depression gleichsetzen.

„Das sollte man nicht in einen Topf werfen“, sagt Andreas Heinz. Der muss es wissen, schließlich ist er Chef der Charité-Psychiatrie Mitte und Mitbegründer des „Berliner Bündnisses gegen Depression“. Einerseits gebe es in der modernen Psychiatrie tatsächlich den Begriff der Melancholie, er bezeichnet sogar eine besonders schwere Form von Depression. Wer aber heutzutage über Melancholie rede, meine nicht die Krankheit, „sondern ein Lebensgefühl, eine besondere Weltsicht.“ Die Fähigkeit, nicht immer nur gut drauf zu sein, sondern auch die negativen Dinge im Leben wahrzunehmen. Heinz findet das sympathisch. „Wer so ist, ist jedenfalls nicht krank.“ „Das verdrehen leider manche“, sagt auch der Berliner Schauspieler Jürgen Vogel, der in seinen Filmen häufig schwermütige Charaktere spielt. „Dieses Gefühl kann so was von produktiv sein, gerade für einen Künstler.“ Vogel sieht Berlin als melancholische Stadt, „besonders im Herbst, wenn der kalte Winter bevorsteht und man weiß: Lange scheint die Sonne nicht mehr.“ Gibt es bestimmte Orte, an denen er schwermütig wird? Beim Nachtspaziergang über die beleuchtete Museumsinsel? Bei einem Glas Rotwein irgendwo am Spreeufer? „Nee, das passiert mir wirklich überall in dieser Stadt.“ Auch seine Schauspielerkollegin Nina Hoss möchte nicht auf ihre melancholische Ader verzichten, „da würde mir eine Menge fehlen, was mich inspiriert und vorwärts bringt.“ Wenn sie ganz in Schwermut versinken will, fährt sie zum Jüdischen Friedhof nach Weißensee. „Da hinsetzen und Dostojewski lesen, schöner geht’s kaum.“ Schön? Was soll denn an Schwermut schön sein? „Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein“, hat der französische Schriftsteller Victor Hugo gesagt. „Das passt“, findet Franka Potente. Die Berlinerin wird schwermütig, sobald sie an „wunderschönen Orten entlangspaziert, an denen mal etwas Fürchterliches passiert ist“. Zum Beispiel an der Lichtensteinbrücke am Landwehrkanal, wo Rosa Luxemburg ermordet und ihre Leiche ins Wasser geworfen wurde. „Merkwürdige Stimmung dort“, sagt Potente.

Kurator Jörg Völlnagel will nicht sagen, an welchen Stellen er in Berlin schwermütig wird. Das sehe sonst so aus, als wäre seine eigene Stimmung Motivation für sein Engagement für die Ausstellung. „Nur eins ist klar: Ab morgen ist die Neue Nationalgalerie Zentrum allen Schwermuts der Stadt.“

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