Berlin : Kein Kampf gegen das Gymnasium

Offiziell ist die SPD für die Gemeinschaftsschule. Doch es gibt auch andere Pläne

Susanne Vieth-Entus

In der SPD-Fraktion glaubt keiner mehr daran, dass man das Gymnasium in absehbarer Zeit abschaffen kann – dennoch gingen gestern im Bildungsausschuss brav alle Finger hoch, als der Gesetzentwurf für die Pilotphase der Gemeinschaftsschule verabschiedet wurde. „Wir wollen das eben jetzt erstmal ausprobieren“, rechtfertigte die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Felicitas Tesch, ihre Zustimmung für das Lieblingsprojekt der Linkspartei.

Hinter den Kulissen ist die SPD schon viel weiter. Noch vor dem Sommer werde Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) einen eigenen Vorschlag für Berlins Schulstruktur unterbreiten, berichtete Renate Harant, Vorsitzende des SPD-Arbeitskreises für Bildung. Harant macht keinen Hehl daraus, dass sie große Sympathien für Hamburgs Pläne hat, ab 2009 – neben den Förderschulen – nur noch zwei Schulformen zuzulassen: das Gymnasium und die Stadtteilschule, die in 13 statt zwölf Jahren zum Abitur führen soll und kleinere Klassen haben wird, um schwächere Schüler besser fördern zu können.

Dieses Modell findet in Berlin immer mehr Anhänger. Neben Teilen der SPD sind auch CDU, FDP und Grüne ausgesprochen angetan von Hamburgs Weg, weshalb die Parlamentarier gestern mit großer Aufmerksamkeit dem langjährigen Bundesvorsitzenden der GEW, Dieter Wunder, folgten, der auf Einladung der Grünen im Bildungsausschuss das Hamburger Modell vorstellte.

„Als ich jung war, hat ein Parlament etwas beschlossen und so wurde es gemacht. Wenn wir heute per Gesetz das Gymnasium abschaffen würden, ließen sich die Eltern das nicht mehr gefallen“, begründet Wunder sein Eintreten für die Zweigliedrigkeit. Eltern würden auf die Straße gehen oder in Privatschulen abwandern, wenn es kein Gymnasium mehr gäbe, erwartet Wunder. Er hat deshalb im Auftrag der Hamburger SPD in der Kommission mitgewirkt, die die Schulreform ausgearbeitet hat.

Um Wunder nicht allein das Feld zu überlassen, hatten die Senatsfraktionen Lothar Sack dazugeladen, der vehement die Gemeinschaftsschule verteidigte. „Die Zweigliedrigkeit löst das Problem der sozialen Selektion nicht“, wehrte Sack ab. Das Hamburger Modell laufe wieder darauf hinaus, dass Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern ihre eigene Schulform bekämen. Dann werde eben nicht die Hauptschule, sondern die Stadtteilschule quasi zur „Restschule“. Sack, der viele Jahre die Britzer Fritz-Karsen-Gesamtschule geleitet hat, will endlich die Schule für alle und nicht länger warten.

Felicitas Tesch, die zur SPD-Linken zählt, ist zwar rein theoretisch auf Sacks Seite. Aber praktisch „glaube ich nicht, dass man das Gymnasium abschaffen kann“, sagte sie gestern auf Anfrage. Dennoch will sie der Pilotphase für die Gemeinschaftsschule bis 2011 Zeit geben. Dass auf diese Weise kostbare Jahre für eine grundlegende Strukturreform verloren gingen, die Berlins 50 bis 100 Problemschulen helfen könnte, findet Tesch aber nicht. Man könne doch weiterhin versuchen, Haupt- und Realschulen zu fusionieren. Susanne Vieth-Entus

0 Kommentare

Neuester Kommentar