Berlin : Kein Kinderkram

Wenn’s ums Impfen geht, sind West-Berliner Akademiker am faulsten und türkische Familien vorbildlich. Insgesamt aber lässt die Bereitschaft nach, sich gegen Masern, Mumps und Röteln zu schützen. Und das ist gefährlich

Adelheid Müller-Lissner

Kinderkrankheiten. Für manche scheint die Erinnerung daran fast so anheimelnd zu sein wie die an Weihnachtsabende im Elternhaus: War es nicht doch ganz schön, mit Windpocken oder Mumps im Bett zu liegen, fiebrig zwar, doch durchaus aufnahmebereit für mütterliche Extra-Streicheleinheiten? Dietrich Delekat hingegen, Facharzt für Kinderheilkunde und in der Gesundheitsverwaltung des Berliner Senats zuständig für die Berichte zur Kindergesundheit, mag das Wort Kinderkrankheiten partout nicht. Das klingt ihm zu harmlos. „Diese Krankheiten heißen so, weil sie hochansteckend sind und man früher nicht erwachsen wurde, ohne sie zu erwischen“, sagt er.

Beispiel Masern – ein sehr aktuelles Beispiel, gerade sind sie zum Beispiel in Oberbayern wieder ausgebrochen, und zwar gleich in mehreren Ortschaften und gleich mit weit über 100 Fällen. Ein bis zwei von 10000 Kindern, die die Masern bekommen, sterben daran. Denn Masern, eine Infektionskrankheit, führt immerhin zu einer etwa sechswöchigen Immunschwäche, die bakterielle Zweitinfektionen – am häufigsten Lungenentzündungen, Mittelohrentzündungen und Durchfall – begünstigt. Eine andere ernsthafte Komplikation ist die Masern-Gehirnhautentzündung. Eines von 1000 Masern-Kindern bekommt sie. Bei 20 bis 30 Prozent der Kinder, die ihr nicht zum Opfer fallen, bleiben mehr oder minder schwere Dauerschäden am Gehirn zurück.

Oder Mumps, noch so ein gefährlicher „Kinderkram“. Mumps ist die häufigste Ursache für männliche Unfruchtbarkeit. Die Röteln wiederum können schwere Schäden beim Ungeborenen auslösen, wenn eine Frau sich in der Schwangerschaft ansteckt. Für die Ständige Impfkommission (Stiko), ein Gremium von 16 Experten, das organisatorisch beim Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) angesiedelt ist, ist das Grund genug, die frühe Dreifachimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln zu empfehlen (siehe Kasten). Seit letztem Sommer ist dem als nicht unumstrittene Empfehlung die Windpocken-Impfung hinzugefügt worden.

Allerdings: Der Druck, sich zu schützen, lässt nach. Viele Eltern und auch Kinderärzte kennen Masern und Konsorten heute gar nicht mehr, geschweige denn die Gefahr. „Wenn die Wirkung einer Impfung so gut ist, dass die Krankheit verschwindet, wird die Akzeptanz der Impfung geringer“, sagt Christiane Meyer, Kinderärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim RKI.

Bei den Kleinkindern ist die Impfrate nicht schlecht. „Es gibt keine wesentlichen Einbrüche, aber wir haben die Beteiligung auch noch nicht da, wo wir sie haben wollen“, sagt Meyer. Nur mit einer sehr hohen Impfrate kann nämlich ein ehrgeiziges WHO-Ziel erreicht werden: die Ausrottung der Masern, wie sie bei den Pocken gelungen ist, gegen die seit Ende der 1970er Jahre nicht mehr geimpft werden muss. Schon bei der zweiten Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln aber reicht es im Bundesdurchschnitt nur noch für 54 Prozent. Damit gefährdet die Bundesrepublik die internationalen Bemühungen, die „Kinderkrankheit“ Masern ad acta zu legen. In den neuen Bundesländern ist die Impfmoral besser, doch innerhalb Europas gehört Deutschland nach Irland und Italien zu den Ländern mit den meisten Masern-Fällen.

Nur wenn so gut wie alle den Impfschutz haben, sind vor einer Infektion auch die geschützt, die etwa wegen einer Immunschwäche nicht geimpft werden sollten. Ärzte und Eltern tragen deshalb nicht nur für sich und die einzelnen Kinder, sondern auch für die Gemeinschaft Verantwortung. Für eine strenge Impfpflicht ist trotzdem keiner. „Der einhellige Tenor in der Fachwelt ist: Wir setzen auf Aufklärung“, sagt Christiane Meyer.

Dabei sind gerade die Impfgegner im Durchschnitt „wesentlich gebildeter als der Durchschnitt der Bevölkerung“, sagt der Kinderarzt Dietrich Delekat. In Berlin seien die Vorbehalte zum Beispiel „bei Akademiker-Eltern aus dem Westteil wesentlich ausgeprägter“. „Unter türkischen Familien dagegen finden wir Impfergebnisse, von denen man nur träumen kann.“ Wie schlimm es sich auswirken kann, Kinder ungeimpft zur Schule zu schicken, das zeigt das bayerische Masern-Epidemie-Beispiel ebenfalls: An einer Montessori-Schule erkrankten gleich 40 Kinder auf einmal.

Nur die allerwenigsten Impfgegner verfechten allerdings so radikale Thesen, wie Stefan Lanka und Karl Krafeld sie im Netz verbreiten: Impfen sei „Völkermord im dritten Jahrtausend“. Gift im Impfstoff mache Kinder reihenweise hyperaktiv. Und die Existenz von Viren sei bis heute überhaupt nicht bewiesen. Die meisten Skeptiker sind da eher von den Lehren des Anthroposophen Rudolf Steiner geprägt. Kinderkrankheiten, so vermutete der, seien eine Art Entwicklungshilfe für Körper und Geist der Heranwachsenden. Anthroposophen plädieren auf dieser Grundlage für „individuelle Impfentscheide“. Ärzte müssen sich da bisweilen sogar gegen den Rat der Hebammen stellen, denen die Eltern vertrauen und die oft jeden künstlichen Eingriff als überflüssig ablehnen.

Dabei rät sogar der Kinderarzt Christoph Meinecke – niedergelassen in einer Gemeinschaftspraxis auf dem Gelände des anthroposophisch orientierten Krankenhauses Havelhöhe – allen Eltern zur Impfung gegen Diphtherie, Tetanus und Kinderlähmung. „Ich sage den Eltern: Diese Krankheiten und Risiken sollte man keinem Kind zumuten, und man sollte auch nicht darauf vertrauen, dass die anderen geimpft sind.“ Bei Masern, Mumps und Röteln spricht er eine solche Empfehlung aber nicht aus. „Jeder hat das Recht, hier individuell eine Risikoabwägung zu treffen.“

Neben Gegnerschaft und Skepsis gibt es aber schließlich auch die ganz gewöhnliche Vergesslichkeit. Die große Mehrheit der jungen Mütter würde es deshalb sogar begrüßen, an Auffrischimpfungen für die Kinder erinnert zu werden, wie eine Befragung in Sachsen-Anhalt ergeben hat. Vielleicht per E-Mail? Dass der Virenschutz für den Computer nicht mehr aktuell ist, erfahren wir ja auch in regelmäßigen Abständen.

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