Berlin : Kein Ort für Wurst

Wie eine Amerikanerin den Streit um den Imbiss am Holocaust-Mahnmal erlebt Von Helen Fessenden

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Die Currywurst und mich verbindet eine lange Beziehung. Nach dem Schulabschluss, als ich mich in Berlin als schlecht bezahlte Englischlehrerin durchschlug, gehörte die Currywurst zu meinen Grundnahrungsmitteln. Bis heute verbinde ich sie mit jener sparsamen, aber aufregenden Zeit.

Es gibt also so etwas wie ein Recht auf Currywurst in dieser Stadt? Ja, aber nicht am HolocaustMahnmal. Ich weiß, dass in Washington die Besucher ihren Hunger am Hot-Dog-Stand vor dem Holocaust-Museum stillen können, und Auschwitz hat neben dem Besucherparkplatz eine Cafeteria. Aber in Berlin ist der Abstand zwischen dem Mahnmal und dem Imbiss nur eine Straße breit. Und wie bei einem Straßen-Imbiss üblich, nehmen die Besucher ihren in diesem Fall besonders unkoscheren Snack eben auch mit in das Stelenfeld. Wenn die Absicht des Mahnmals Nachdenklichkeit und Erinnerung ist, dann ist das massenhafte Wurstessen an diesem Ort eine mit diesem Ziel unvereinbare Störung. Ebenso wenig würde man ein Butterbrot zu einer Beerdigung mitbringen.

Aber das ist nur meine Meinung. Was denken die Touristen am Mahnmal? An einem sonnigen Augusttag befragte ich eine Reihe von Besuchern, von denen die große Mehrheit der Meinung war, dass so ein Imbiss unangebracht ist. Sie fanden auch nicht, dass er hier notwendig wäre, da der Ort so nahe am kommerziellen Zentrum der Stadt liegt. Ich war überrascht, wie vehement Deutsche und Ausländer ihre Anti-Wurst-Gefühle ausdrückten. Auch wenn in der aktuellen Debatte jetzt die Imbiss-Gegner gesiegt haben, wird dies sicher nicht die letzte Diskussion gewesen sein. Das Mahnmal hat von Beginn an Kontroversen ausgelöst. In dieser Frage gemischte Gefühle zu haben, ist menschlich. Ein junger Engländer, mit dem ich mich unterhielt, drückte es so aus: „Das Mahnmal löst Nachdenklichkeit aus, während Kinder zwischen den Stelen Verstecken spielen. Es erinnert an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, aber es ist zugleich ein Bestandteil der Wiedergeburt der Stadt als eine europäische Hauptstadt.“

Normales menschliches Treiben wird auch in Zukunft am Mahnmal herrschen. Trotzdem ist dieser Ort nicht nur eine von vielen Sehenswürdigkeiten, die Besucher auf ihrer Liste abhaken, sondern er markiert eine Narbe der Geschichte. Hier sein Bedürfnis nach einem Imbiss zurückzuhalten, ist eine kleine, aber notwendige Geste des Respekts gegenüber diesem einmaligen Ort.

Die Autorin ist US-Journalistin und Arthur-F.-Burns-Stipendiatin.

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