Berlin : „Kein Polizist kam zu Hilfe“

Unfallopfer im Stich gelassen? Arzt zeigt Wachschutzmann an. Motorrollerfahrer starb auf der Kreuzung

Jörn Hasselmann

Sterbend lag der junge Mann auf der Kreuzung. Ein Arzt kümmerte sich um den 24-Jährigen, der mit dem Motorroller auf der Fabeckstraße in Dahlem verunglückt war. Wenige Meter weiter lag die schwer verletzte Beifahrerin. Und ganz in der Nähe, so schildert es der Arzt, stand ein Streifenwagen der Polizei. Der Mediziner, der zufällig in der Nähe war, erhebt schwere Vorwürfe gegen den Polizisten, der im Auto saß: „Ich schrie nach einem Erste-Hilfe-Kasten, doch der Beamte blieb sitzen und telefonierte“, berichtet Klaus-Peter Westpfahl-Wiesener.

Ein anderer Autofahrer holte deshalb seinen Verbandskasten, ein Kellner der Eckkneipe „Altensteiner“ brachte Decken. Dann stoppte eine weitere Funkstreife – doch auch diese habe sich nicht um die Verletzten gekümmert. „Kein Polizist kam zu Hilfe“, sagt Westpfahl-Wiesener – der früher selbst als Notarzt im Rettungswagen bei Verkehrsunfällen im Einsatz war.

Verursacht wurde der schwere Unfall am Freitag um 22.35 Uhr von einem 60-jährigen Autofahrer, der mit seinem gelben Smart beim Linksabbiegen von der Altenstein- in die Fabeckstraße den Roller übersehen hatte. Für den 24-Jährigen kam jede Hilfe zu spät, er starb in den Armen des Arztes. Seine Freundin liegt mit Schürfwunden und einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus.

Der Arzt Westpfahl-Wiesener ist empört über die Passivität der Polizisten. Gegen den telefonierenden Wachschutzmann – er gehört zum Zentralen Objektschutz, der für die Sicherheit gefährdeter Gebäude zuständig ist – habe er noch an der Unfallstelle Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erstattet, sagte er dem Tagesspiegel. Dies bestätigte die Polizei gestern. Gegen den Wachpolizisten werde ermittelt, sagte ein Beamter des Lagedienstes. Darüber hinaus nahm die Polizei keine Stellung zu den Vorwürfen.

„Es gab einen Rumms, und die beiden Verletzten lagen auf der Straße.“ So schildert Westpfahl-Wiesener den Unfall. Der Arzt war gleichzeitig mit der Polizeistreife am Unfallort und leistete Erste Hilfe. Er habe der weniger stark verletzten Frau den Helm abgenommen. Die 23-Jährige war bei Bewusstsein. Danach kümmerte er sich um den stark blutenden Mann, konnte jedoch den Helm nicht lösen. „Ich schrie nach einer Schere“, sagt Westpfahl-Wiesener – doch keiner der Polizisten habe sich gerührt. „Die haben nicht mal gefragt, wie sie helfen können“, sagt Beate Eberstein, die Freundin des Arztes. Sie hatte über Telefon die Feuerwehr alarmiert. Empört sei sie über die Beamten auch deshalb, weil sie später die Scherben des Unfalls in Richtung des verstorbenen Unfallopfers gekehrt hätten. Erst ein Kellner aus dem „Altensteiner“ habe die Leiche mit einer weißen Tischdecke abgedeckt, berichtete Beate Eberstein.

Der 24-Jährige ist der zweite Motorradfahrer, der in diesem Jahr ums Leben kam. Am 5. April war ein gleichaltriger Mann in Treptow getötet worden. Auch diesen Unfall hatte ein Autofahrer beim Abbiegen verschuldet.

Eine mangelnde Erste-Hilfe-Ausbildung der Polizisten kann eigentlich nicht der Hintergrund des aktuellen Falles sein. Ein Mitarbeiter des Zentralen Objektschutzes bestätigte gestern, dass nicht nur Streifenpolizisten, sondern auch die Wachpolizisten regelmäßig Auffrischungen ihrer Erste-HilfeKenntnisse erhalten. Alle zwei Jahre muss der Kurs Herz-Lunge-Wiederbelebung wiederholt werden. „Möglicherweise haben die Polizisten bei dem Zehlendorfer Unfall darauf vertraut, dass der zufällig anwesende Arzt die Situation im Griff hat“, sagte ein Beamter, der nicht namentlich genannt werden wollte.

Die 1600 „Polizeiangestellten im Zentralen Objektschutz“ haben die Aufgabe, gefährdete Objekte, also Botschaften, Synagogen oder Dienstgebäude des Landes oder des Bundes zu bewachen. Sie fahren in der Regel Streifenwagen vom Typ Opel Corsa, ihre Uniformen unterscheiden sich durch die schwarzen Schulterklappen und ein schwarzes Mützenband von denen der Schutzpolizei.

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