Berlin : Kein rassistischer Angriff: Italiener fiel auf Gleise

Nun Ermittlungen wegen Vortäuschens einer Straftat

Jörn Hasselmann

Die Geschichte war zu schlecht erfunden. Zweifel an den Schilderungen des Italieners Gianni C. hatten die Ermittler vom ersten Tag an. Am Sonntag früh wollte er von drei Neonazis zusammengeschlagen und mit den Worten „Scheiß Ausländer“ beleidigt worden sein. Gestern gab die Staatsanwaltschaft bekannt: Der 30-Jährige ist am Bahnhof Alexanderplatz auf die Gleise gestürzt und hat sich dabei die Kniescheibe gebrochen sowie den Kopf aufgeschlagen.

Wieso er den Ermittlern am Sonntagmorgen die Lügengeschichte auftischte, ist unklar. Gianni C. schweigt jetzt – nachdem er zuvor Boulevardzeitungen von einem Baseballkeulen-Angriff an der Schönhauser Allee berichtete. Doch die Videokameras am Alex beweisen: Gianni C. torkelte, fiel vom Bahnsteig auf die Gleise, kletterte wieder zurück – und konnte dann wegen der Knieverletzung nicht weiter. So wurde er gefunden und ins Krankenhaus gebracht.

Eine Stunde später befragten ihn dort Beamte der Bundespolizei, die für den Bahnhof zuständig ist. Den Beamten fiel die „Alkoholwolke“ im Krankenzimmer auf. Nachdem C. von dem angeblich fremdenfeindlichen Angriff erzählte, wurde die Berliner Polizei geholt, weil der geschilderte „Tatort“ nicht im Bahnhof war. Später fiel auf, dass C. den Berliner Beamten eine etwas andere Geschichte erzählt hatte. Mal hätten die Angreifer einen Holzstock, dann eine Baseballkeule, mal hätten die Angreifer kurze Haare, dann wieder gar keine gehabt. Niemandem aber verriet C., wieso er sich nach dem Überfall noch bis zum Alexanderplatz geschleppt haben will – und warum die Tat in der nachts stark belebten Schönhauser Allee niemand gesehen hat.

Die Nachricht von der angeblich rassistischen Attacke ging um die Welt, schließlich steht die WM dicht bevor, nicht nur aus Italien, auch aus den USA und anderen Ländern riefen Journalisten bei der Polizei an. Der Tagesspiegel hatte bereits am Dienstag von den Zweifeln der Ermittler berichtet.

Gegen den seit zehn Jahren in Deutschland lebenden C. wird nun wegen Vortäuschens einer Straftat ermittelt. Sowohl die Italienische Botschaft als auch Innensenator Körting wollten sich gestern nicht zu dem Fall äußern, da die Ermittlungen nicht abgeschlossen seien. Bis zum endgültigen Beweis wird es noch einige Tage dauern: Dann soll die DNA-Analyse des auf den Gleisen gefundenen Bluts vorliegen.

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