Berlin : Kein Schema F für chronisch Kranke

Berliner Ärzte tragen die bundesweit geäußerte Kritik am Chroniker-Programm nicht mit

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Von Ingo Bach

Die Verhandlungen über die so genannten Chroniker-Programme (siehe Kasten) in Berlin hängen fest. Eigentlich sollte vor wenigen Tagen eine weitere Verhandlungsrunde zwischen Kassenärzten und Krankenkassen stattfinden, um ein Programm zur Behandlung von Diabetes auf den Weg zu bringen. Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung (KV) strich den Termin. Erst Mitte Oktober soll es weitergehen, sagt der Chef der Berliner KV, Manfred Richter-Reichhelm. So wie in Berlin pausieren derzeit in allen Bundesländern die Verhandlungen. Man will erst den Ausgang der Bundestagswahl abwarten.

Kurz vor der Wahl heizten die Kassenärzte noch einmal ein. In großflächigen Zeitungsanzeigen brandmarkten die Kassenärztlichen Vereinigungen die Programme als „Weg in die Billigmedizin“. Eigentlicher Hintergrund ist aber die Verärgerung der Kassenärzte, dass sie von der Gesundheitsministerin allein verantwortlich gemacht würden für den Anstieg der Arzneimittelkosten.

Die Berliner KV hat sich jedoch nicht an der Kampagne beteiligt. „Es gibt da einige Unschärfen im Anzeigentext“, sagt KV-Chef Richter-Reichhelm. So sei es nicht richtig, dass mit den Chroniker-Programmen den Patienten nicht mehr die modernsten Medikamente zur Verfügung stünden oder dass sie schlechter behandelt würden. Pikant daran: Richter-Reichhelm ist gleichzeitig Chef der Bundes-KV. Er muss als Bundeschef verteidigen, was ihm als Landeschef nicht behagt.

Deshalb stehen die Verhandlungen zwischen Kassenärzten und Krankenkassen in Berlin unter besonderer Beobachtung. Der Abschluss eines Chroniker-Vertrages in der Hauptstadt könnte Vorbildwirkung für die ganze Bundesrepublik haben. „Die Chroniker-Programme haben auch Vorteile“, sagt Richter-Reichhelm. Sie seien eine sinnvolle Hilfestellung für eine strukturierte Behandlung – auch wenn die meisten Ärzte kompetent therapierten und natürlich schon lange über eigene Programme verfügten. „So eine Richtlinie klingt zwar nach Kochbuch-Medizin. Aber sie ist eher ein Geländer, an dem sich der Hausarzt orientieren kann.“

Doch neben der inhaltlichen Übereinstimmung gibt es auch Kritik. Die Ärzte haben Angst, dass ihnen die Entscheidungsfreiheit bei der Behandlung entrissen wird. Und es geht um Geld. Die Mediziner wollen für den höheren Aufwand, den sie mit den chronisch Kranken haben, auch höhere Honorare.

Die Chancen auf eine Einigung in Berlin stehen trotzdem gut – unabhängig von den harschen Worten in den KV-Anzeigen. Denn Krankenkassen und Kassenärzte wollen sie. Jetzt wartet man auf die ruhigere Wetterlage nach der Wahl.

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