Berlin : Kein Sommerloch, nirgends

Aufgeregte Kontroversen, eine neue Warteschlange, ein technischer Höhepunkt und ein Knalleffekt: Das waren die großen Ferien in Berlin 2005

Bernd Matthies

Abschalten, das Telefon ausstöpseln und in der Sonne braten bis zum Abwinken – das ist als Berliner Ferienprogramm durchaus nicht unüblich. Nur: Im Jahr 2005 hat das nicht so richtig geklappt. Kein Sommerloch wollte sich auftun, nirgendwo. Und das lag nicht nur am extrem unbeständigen Wetter, sondern vor allem an der extrem unbeständigen Weltlage. Die Londoner Anschläge vom 7.Juli erschreckten auch Berliner U-Bahn-Nutzer, und die unverhofft ausgebrochene Wahlkampfhektik vermieste den Politikern den Urlaub.

Zudem begannen die Berliner Schulferien in diesem Jahr besonders früh, was ihnen indessen mit dem Christopher Street Day eine Art Eröffnungsfest bescherte – verschönt zudem durch die Perspektive auf das Live8-Konzert eine Woche später, das dann freilich erst nach allerhand aufgeregten Kontroversen auf der wenig geeigneten Straße des 17.Juni stattfand. Der verkehrspolitische Dauerbrenner des Sommers aber köchelte eindeutig in der Chefetage der Deutschen Bahn, wo der doch so glamourös konzipierte neue Berliner Hauptbahnhof häppchenweise verkrähwinkelt wurde – und der in den Status einer besseren Dorfstation versetzte Bahnhof Zoo gleich mit. Unter dem Glasdach des einstigen Lehrter Bahnhofs werden nun kaum noch Fernzüge verkehren. Immerhin fand die Debatte gegen Ende der Ferien ein fast schon versöhnliches Ende, als es den Ingenieuren planmäßig gelang, die seitlich in die Höhe gebauten Skelette der Bürobauten exakt über den Gleisen aufs Kreuz zu legen.

Eine weitere, schon länger schwelende Kontroverse wurde am Dienstag, dem 5.Juli, kurz nach Tagesanbruch beendet. Alexandra Hildebrandt, die Chefin des Mauermuseums, wich dem Druck der stärkeren Argumente des Gerichtsvollziehers und gab auf: Bauarbeiter räumten die 1065 von ihr aufgestellten Holzkreuze am Checkpoint Charlie ab. Der Nachhall dieser Aktion ging rasch unter in den Reaktionen auf die Londoner Terroranschläge. Es folgten heiße Tage für die Polizei, die immer wieder von nervösen Berlinern zu verdächtigen Gepäckstücken gerufen wurde – und auch das Wetter schwenkte für eine Weile entschlossen in Richtung Sommer; Pech für die Harry-Potter-Fans, die in der langen Nacht des neuen, sechsten Bands unter ihren Kostümen schwitzen mussten.

Keine Sommerruhe auch in der Museumsszene: Die Schlange, die sich von Beginn an vor der alten Nationalgalerie ringelte, wird dort vermutlich bleiben, bis die Goya-Ausstellung am 3.Oktober schließt – die Organisatoren reiben sich die Hände, denn es ist ihnen ein Coup gelungen, der durchaus an die MoMa-Hysterie des Jahres 2004 anknüpft. Während die Kinder die Unterrichtspause genossen, durfte sich der Schulsenator mit gemischten Gefühlen über die Auswertung des neuen Pisa–Vergleichs beugen, der als eine Art Silberstreif am Bildungshorizont gewertet wurde. Berliner Schüler sind zwar immer noch mäßige Mathematiker und lesen unterirdisch, profilieren sich aber im Problemlösen zunehmend besser. Was das für die Zukunft Berlins bedeuten könnte, ist noch umstritten...

Der Knalleffekt der Sommersaison fand vor dem Reichstag statt. Ein Pilot aus Erkner lenkte sein Kleinflugzeug vor dem Reichstag in Richtung Boden und starb in den Flammen – Selbsttötung, wie sich rasch herausstellte. Etwas länger brauchten die Polizeibeamten, um draußen in Erkner die Leiche der Ehefrau zu finden. Der Pilot hatte sie offenbar schon Wochen vor dem Absturz getötet.

Jahre liegt der Berliner Bankenskandal zurück, wirkt aber finanziell bis heute nach. Klaus Landowsky und den anderen Ex-Vorstandsmitgliedern der Landesbank vermieste die Terminplanung des Gerichts den Spätsommer, denn Ende Juli begann der lang erwartete Prozess. Und er begann, wie erwartet, mit allerhand formaljuristischem Fingerhakeln.

Während das Ende des Palastes der Republik weiter unaufhaltsam – aber mit einem Kunstgebirge auch sehr unterhaltsam – auf sich warten ließ, tauchte das Stadtschloss eher unerwartet wieder aus der Versenkung auf, fast so, als habe da doch noch einer einen Zipfel vom Sommerloch erwischt. Bauminister Stolpe relativierte den Beschluss zur Wiederherstellung der historischen Fassade mit den Worten, das könne man machen, wenn nach dem Neubau selbst noch genug Geld da sei. Im nächsten Sommer hören wir bestimmt Neues über das Projekt.

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