Kein Welpenschutz : Vom Freizeit-Piraten zum Berufspolitiker

Vom Wahlerfolg getrieben: Wie Piraten-Abgeordnete nach dem unerwarteten Berufswechsel ihr Leben neu ordnen.

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Plötzlich Politiker: Wie die Piraten seit dem Einzug ins Abgeordnetenhaus ihr Leben umkrempeln. Alexander Morlang hatte seinen Chef bereits vorgewarnt – und Aufträge nur bis zum 18. September angenommen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
11.12.2011 17:52Plötzlich Politiker: Wie die Piraten seit dem Einzug ins Abgeordnetenhaus ihr Leben umkrempeln. Alexander Morlang hatte seinen...

Aller Anfang ist schwer, als Berufsanfänger in der Politik besonders. Wie schwer, das erleben die Piraten, die es unerwartet auf die Parlamentsbänke des Berliner Abgeordnetenhauses verschlagen hat, seit knapp zwei Monaten. Kaum einer der 15 Abgeordneten hatte mit dem Wahlerfolg am 18. September gerechnet, und keiner dürfte die hohe Fehlerquote beim Kaltstart in den politischen Alltag vorhergesehen haben. Keine Woche verging, ohne dass die Neulinge in die Fallstricke des heiklen Politgeschäfts tapsten: Von der Anstellung von Lebenspartnern als Fraktionsmitarbeiter über nachgestellte Kokain-Schnupf-Fotos bis hin zu groben Verstößen gegen den Datenschutz bei E-Mails an Bewerber für einen Job bei der neuen Fraktion.

Simon Kowalewski schaltete über Nacht von Privatperson auf Politiker um. „Am Wahlabend war klar, ich kann’s nicht mehr machen“, erzählt der 30-Jährige. Am Morgen nach der Wahl blieb sein linksalternatives Schöneberger Szene-Café „Yorck52“, das er bis dahin mit einer Freundin betrieben hatte, kurzerhand geschlossen. Und den Kunden, deren Computersysteme der diplomierte Ingenieur der Informationstechnik bis dahin freiberuflich betreut hatte, teilte er mit, dass die Aufträge jetzt auslaufen.

So unerwartet der Berufswechsel kam, schwergefallen sei ihm die Umstellung allerdings nicht, sagt Kowalewski. Die neue Aufgabe fügt sich in eine bunte Politbiografie im linksalternativen Spektrum, wie sie bei den Piraten nicht untypisch ist. So hat sich Kowalewski – zum Gespräch in seinem Abgeordnetenhausbüro trägt er ein Che-Guevara-Shirt und Buttons gegen Atomstrom sowie mit der Piratenflagge – unter anderem bei der Partei Die Violetten engagiert, die „für spirituelle Politik“ kämpft, er kandidierte vor seinem Umzug nach Berlin vor vier Jahren bei der Lüneburger Kommunalwahl für die Linkspartei, engagierte sich beim Chaos Computer Club und gründete den Verein Polyamores Netzwerk mit, der Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen propagiert und sich für die Akzeptanz unterschiedlichster Lebens- und Beziehungsmodelle einsetzt, wie er sagt: „Ich war schon immer Politiker.“

Eine größere Herausforderung ist die unerwartete Politikerkarriere für Pavel Mayer. Der 46-jährige Informatiker, der seit gut 20 Jahren in Berlin lebt, hat bereits mehrere Firmen gegründet und ist Geschäftsführer der Softwarefirma Hoccer, die Programme und Dienstleistungen zum besseren Austausch von Daten zwischen mobilen Computern anbietet.

Bei Hoccer arbeiten neben Mayer gleich drei weitere Mitglieder der neuen Piratenfraktion. Einer hat der Politik zuliebe bereits gekündigt, zwei arbeiten bis auf Weiteres in Teilzeit. Und der Chef schiebt Doppelschichten: „Ich versuche, beides unter einen Hut zu bringen“, sagt Mayer, der sich bis auf eine SPD-Mitgliedschaft vor vielen Jahren und gelegentlichen Auftritten für den Chaos Computer Club bislang nicht politisch engagiert hatte, weil ihm die etablierten Parteien zu festgefahren erschienen.

Die 15 Berliner Piraten
15 Piraten zogen in das Berliner Abgeordnetenhaus ein - als die ersten Gruppenfotos geschossen wurden, waren sie aber noch nicht einmal vollzählig versammelt. Auf dieser Aufnahme fehlen Gerwald Claus-Brunner und Pavel Mayer.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: dapd
20.09.2011 12:0015 Piraten zogen in das Berliner Abgeordnetenhaus ein - als die ersten Gruppenfotos geschossen wurden, waren sie aber noch nicht...

Zwar sei die Mehrbelastung jetzt erheblich, sagt der Vater einer 14-jährigen Tochter, der mit seiner Familie in einem Baugruppenhaus in Prenzlauer Berg lebt. Denn obwohl das Abgeordnetenhaus formal ein Teilzeitparlament ist, verbringen Mayer und die anderen Piraten derzeit täglich acht oder mehr Stunden mit der politischen Arbeit. Manchmal geht das bis weit nach Mitternacht. Aber die Möglichkeit, jetzt im Parlament Politik zu machen, begeistert Mayer sichtlich: „Die Woche hat 168 Stunden – da ist genug Platz für zwei Jobs“, sagt er euphorisch. Finanziell ist der Abgeordnetenjob für ihn übrigens ein Rückschritt, wie für viele seiner Parlamentskollegen – auch deswegen bleibt er nebenher seinem alten Job treu. In ihren angestammten Berufen hätten die meisten Fraktionskollegen deutlich mehr verdient als die gut 3000 Euro, die sie als Diäten erhalten. „Aber wir tun das ja eh nicht wegen des Geldes“, sagt Mayer.

Einer der wenigen, die der Wechsel nicht ganz unvorbereitet traf, ist Alexander Morlang. Er ist Systemadministrator, ebenfalls Mitglied beim Chaos Computer Club und entschied sich, wegen der zunehmenden politischen Einschränkungen im Internet für die Piraten zu kandidieren. Bei seinem letzten Job vor der Wahl, als Systemarchitekt und Administrator, habe er den Chef darauf hingewiesen, dass er sich vorerst nur bis zum 18. September verpflichten könne. Eine langfristige Lebensplanung hatte er bislang aber ohnehin nicht, sagt der 37-Jährige. Der Chef hatte Verständnis, inzwischen ist ein Nachfolger eingearbeitet. Nur seine privaten Pläne müssen jetzt erst mal warten: Eigentlich hatte Morlang vor, nach der Wahl mit dem Motorrad und ein paar Notebooks durch den Mittelmeerraum zu reisen und von dort aus zu arbeiten. Das muss nun vorerst warten.

Dass es zwischen dem bisherigen Berufsleben und dem neuen Job als Politiker dennoch manche Berührungspunkte gibt, erlebte Simon Kowalewski kürzlich auf dem Weg zum neuen Arbeitsplatz im Abgeordnetenhaus. Und teilte dies der Welt auch gleich über den Kurzmitteilungsdienst Twitter mit: „Unser Ruf eilt uns voraus: Polizist vor dem AGH fragt mich nach Vorverkaufsberatung für den iMac.“

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