Berlin : Keine Aussicht auf Arbeit: Tausende ohne Schulabschluss

Eine große Zahl von Jugendlichen geht ohne Abgangszeugnis auf Lehrstellensuche – vor allem Ausländer haben kaum Ausbildungs-Chancen

Susanne Vieth-Entus

Auf Berlins Arbeitsämter kommt eine neue Welle von Schulabbrechern zu. Die Bildungsverwaltung rechnet mit über 4000 Jugendlichen, die im Sommer ohne Abschluss die Schule verlassen. Ihre Chancen auf Arbeit stehen schlecht angesichts 37000 Arbeitsloser unter 25 Jahren, von denen jeder Fünfte ohne Schulabschluss ist. Insbesondere die Situation der ausländischen Jugendlichen ist dramatisch: Von ihnen erreicht jeder vierte keinen Schulabschluss, bei den deutschen jeder ze hnte. Auf Ausbildungsplätze können sie kaum hoffe n.

Obwohl die ausländischen Schüler rund 20 Prozent eines Jahrgangs stellen, haben sie nur fünf Prozent der betrieblichen Lehrstellen inne. Erschwerend kommt hinzu, dass selbst mit einem Hauptschulabschluss kaum noch eine Lehrstelle zu bekommen ist: Nur ein Viertel der 59 000 betrieblichen Lehrstellen geht an Jugendliche mit Hauptschulabschluss. Das demotiviert die ohnehin schon benachteiligten Jugendlichen insbesondere an Gesamt- und Hauptschulen zusätzlich, sodass sie letztlich zum Ende ihrer Schulzeit nicht mehr einsehen, warum sie sich überhaupt anstrengen sollen.

Um gerade in der neunten und zehnten Klasse noch gegenzusteuern und zu erreichen, dass die unrühmliche bundesdeutsche Spitzenreiterposition bei den Schulabbrechern nicht noch weiter ausgebaut wird, will Schulsenator Klaus Böger (SPD) jetzt 40 Lehrerstellen schaffen, um eine zusätzliche Förderung der Problemkinder zu ermöglichen. Die Stellen, um die Böger jetzt in den Haushaltsverhandlungen kämpft, sollen deshalb an spezielle Konzepte gebunden sein und nicht „mit der Gießkanne“ verteilt werden.

Allerdings fürchten viele Lehrer angesichts der Probleme an ihren Schulen, dass die 40 Stellen lediglich ein „Tropfen auf den heißen Stein“ sind, wie es Armin Gutt, Leiter der Hermann-Köhl-Hauptschule, formuliert. „Torpedoartig“ steige der Anteil verhaltensauffälliger Hauptschüler, die sich an keine Regeln hielten. Fast jeder dritte Hauptschüler schafft keinen Abschluss, bei den Gesamtschulen ist es nur jeder neunte.

Viele Hauptschulen können sich auch deshalb nicht über die zusätzlichen Stellen freuen, weil sie noch nicht einmal die reguläre Personalausstattung haben: Zu Beginn dieses Schuljahres fehlte den Hauptschulen in Wedding, Mitte, Tiergarten, Kreuzberg, Spandau, Neukölln, Tempelhof, Köpenick und Steglitz rund zehn Prozent des Personals. „Dieser Senat hat nicht begriffen, dass die Hauptschulen besser ausgestattet werden müssen“, steht für Özcan Mutlu, den bildungspolitische Sprecher der Bündnisgrünen , fest. Anstatt jetzt zusätzliche 40 Lehrerstellen zu schaffen, solle Böger lieber dafür sorgen, dass die Hauptschulen überhaupt die ihnen zustehenden Stellen erhielten.

Angesichts der deprimierenden Situation an vielen Hauptschulen werden die Stimmen immer lauter, die ihre Abschaffung fordern. Dem Vernehmen nach wird auch die Bildungskommission Berlin-Brandenburg in ihrem demnächst erscheinenden Abschlussbericht empfehlen, die Hauptschulen mit den Realschulen zu verschmelzen. Wenn das nicht klappe, solle man wenigstens dafür sorgen, dass in jeder Hauptschulklasse zwei Lehrer stehen, fordert der Tempelhofer Hauptschulleiter Siegfried Arnz.

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