Berlin : Keine Bücher, kein Plan fürs neue Schuljahr

Die Abschaffung der Lernmittelfreiheit bringt Lehrer in Bedrängnis - jetzt sollen Fördervereine helfen

Susanne Vieth-Entus

Das Chaos ist perfekt: Nur drei Wochen vor den großen Ferien ist kaum eine Schule in der Lage, das nächste Schuljahr finanziell zu planen. Ursache ist die Abschaffung der Lernmittelfreiheit: Weil die Eltern jetzt bis zu 100 Euro pro Jahr zum Schulbuchkauf beisteuern sollen, haben die Schulen von den Bezirken weniger Geld überwiesen bekommen. Aber das Geld reicht hinten und vorne nicht, weil bei den Zuweisungen völlig ignoriert wurde, wie viele Sozialschwache ein Bezirk hat. Anders ausgedrückt: Das arme Kreuzberg muss die gleiche Budgetkürzung verkraften wie das reiche Zehlendorf.

„Dieses Jahr kann es ein Gerechtigkeitsproblem geben“, befürchtet Neuköllns Volksbildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD). Für diese „Verwerfungen“ sei aber zum Teil die PDS verantwortlich, die den Lernmittel-Kompromiss zwei Monate lang blockiert habe. Jetzt hofft Schimmang, dass sich im Laufe der Zeit „manches einspielt“.

Bis dahin aber ist noch viel Improvisationsgabe gefragt. Noch kennen die Schulen nämlich nicht genau die Zahl ihrer Sozialhilfe- oder Wohngeldempfänger. Dies bedeutet, dass sie nicht abschätzen können, für wie viele Schüler das so genannte Lernmittelbudget reichen muss. Somit können die Lehrer keine Bücher bestellen.

Einige Schulen haben sich deshalb einen Tipp des Landeselternausschusses zu eigen gemacht: Sie schlagen den zahlungsfähigen Eltern vor, keine eigenen Bücher anzuschaffen, sondern 50 oder 60 Euro an den Förderverein zu zahlen. Der bestellt dann von sich aus die Bücher und übergibt sie an die Leihbücherei der Schule.

Diese Variante hat mehrere Vorteile: Die Eltern sparen Geld, weil sie weniger als die eigentlich angesetzen 100 Euro ausgeben müssen, und die Schulen wissen genau, dass zum Schuljahresbeginn alle Bücher da sind. Vor allem aber behalten die Schulen einen gewissen Handlungsspielraum: Sie können entscheiden, einen Teil der Gelder nicht für Bücher, sondern für Lehrmittel wie Farbe oder Chemikalien auszugeben.

Dieser Spielraum ist dringend nötig, denn die Bezirke sind wegen der Geldknappheit dazu übergegangen, nur noch Bruchteile des so genannten Lehrmittelbudgets an die Schulen weiterzureichen. In manchen Bezirken komme nur ein Viertel der ursprünglich vom Senat angesetzten Summe an, bestätigt die Senatsverwaltung für Bildung. Das Geld werde für „Altenheime oder die Ausbesserung von Straßen zweckentfremdet“, heißt es bedauernd.

Was dies bedeutet, schildert Schulleiter Hinrich Lühmann. Für sein angesehenes Tegeler Humboldt-Gymnasium hat er so wenig Geld zugewiesen bekommen, „dass Kunst-, Physik und Chemieunterricht im kommenden Jahr eigentlich nicht stattfinden können“. Allein für die Chemikalien brauchte er pro Jahr rund 10 000 Euro, die er nun nicht mehr zur Verfügung hat.

Der neue „Trick“ mit dem Förderverein ist allerdings mit Vorsicht anzuwenden. „Der Förderverein muss selbst die Bücher bestellen, nicht der Schulleiter!“, warnt die Schulverwaltung. Wenn nämlich am Ende nicht genug Geld zusammenkomme, um alle Bücher zu bezahlen, hafte andernfalls der Schulleiter. Außerdem dürfe der Förderverein die Eltern nicht zwingen, diesen Weg mitzugehen: Wenn Eltern darauf bestünden, 100 Euro in ihre eigenen Bücher und nicht in Leihbücher zu investieren, sei das ihr gutes Recht. Deshalb müsse ihnen die Schule auch eine Bücherliste aushändigen. Unter diesen Bedingungen sei es „wunderbar“, die Bücher über den Förderverein zu beschaffen, findet Abteilungsleiter Ludger Pieper.

Bis alle Schulen mit diesen Möglichkeiten vertraut sind, dürfte es allerdings noch eine Weile dauern. Denn selbst die Volksbildungsstadträte erfuhren erst gestern vom Staatssekretär, dass der Weg über den Förderverein möglich ist. Zurzeit kursieren in den Bezirken nur wilde Gerüchte über die Möglichkeiten, die knappen Mittel optimal einzusetzen.

„Die Schulen fragen sich, warum die Bildungsverwaltung sie mit diesen Problemen allein lässt“, sagt ein genervter Kreuzberger Schulleiter und fragt sich, „wozu es eine Serviceabteilung gibt, wenn jede einzelne Schule das Rad neu erfinden muss?“ Das Rundschreiben zur „Umsetzung der Änderung der Lernmittelfreiheit“ sei erst vergangene Woche in den Schulen angekommen und habe kaum praktische Hilfen geboten. Bislang weiß seine Schule nur eines: „Unter 20 Schülern sind 13 Sozialhilfeempfänger.“ Da wird das Büchergeld nicht reichen. Und nicht jede Schule hat einen Förderverein.

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