Berlin : Keine Geburtstagsfeier für Manuel Schadwald

JENS ANKER

Es wird keine Feier zu seinem Geburtstag geben.So, wie es sie in den vergangenen sechs Jahren auch nicht gegeben hat.Manuel Schadwald wird am 24.Januar achtzehn Jahre alt.Niemand weiß, ob der junge Mann ihn überhaupt erlebt.Mittlerweile ist es ruhig geworden um ihn.In den vergangenen Monaten hatte er traurigen Ruhm erlangt.Manuel Schadwald verschwand 1993 auf dem Weg von Tempelhof ins FEZ in der Wuhlheide.Seitdem fehlt von ihm jede Spur.Alles weitere war Spekulation in verschiedenen Berliner Medien.

Ein weltweit operierender Kinderhändlerring soll demnach den Jungen entführt haben.Weitere Dutzende Kinder sollen von den Porno-Häschern gefangen worden seien.Über Jahre hinweg sei Schadwald in Bordellen mißbraucht worden, hieß es.Der vermeintliche Skandal schloß die Justiz ein, die von der Verschleppung gewußt haben soll, aber nicht tätig wurde.Immer neue Theorien rankten sich um neue Verdächtigungen.Nacheinander versagten den Recherchen zufolge die niederländische und die belgische Polizei.Zeugen tauchten auf und verschwanden wieder, bevor sie aussagten.Dann kam die Wende.Der Fall Manuel Schadwald "steht vor der Aufklärung", schrieb eine Zeitung.Ein paar Tage später war der Fall gar "gelöst".Ein Treffen mit den Eltern werde eine Woche später organisiert, wurde versprochen.

Nichts von alledem ist eingetroffen.Geschichten über den Jungen wurden erzählt, ohne eine wahre Grundlage zu haben.Genährt wurden die Behauptungen allesamt von dem selbsternannten Kinderschützer Marcel Verfloessem.Er stellte wochenlang Beweise in Aussicht, die er dann nie präsentierte.Nachdem er in Belgien nach ähnlichem Muster vorgegangen war, zog er von Deutschland nach Japan weiter.

Auch dort will Marcel Verfloessem die weltweit agierende Kinderporno-Mafia jagen.Unterdessen lösten sich alle Theorien über das weitere Leben Manuel Schadwalds in nichts auf: Seit seinem Verschwinden 1993 fehlt von dem Jungen jede Spur.Eine Kinderporno/-händler-Mafia konnten Ermittler auf der ganzen Welt bislang nicht ausmachen.

Eine unglückliche Rolle in diesem Fall spielt auch Manuel Schadwalds Vater.Zunächst hatte er Strafanzeige gestellt, weil die Staatsanwaltschaft seiner Auffassung nach nicht gegen die Häscher seines Sohnes ermittelt hatte.In Talk Shows beschwerte er sich lautstark über das Versagen der Justiz, obwohl für die Suche nicht die Justiz, sondern die Polizei zuständig ist.Jetzt will der Vater offenbar in die Fußstapfen des vermeintlichen belgischen Kinderretters treten.Mit der Gruppe "Stolen Life" stellt er heute sein Projekt "Kampf gegen Kindesmißbrauch" vor.

Und was wurde aus Manuel? Er ist einer von vier langzeitvermißten Kindern in Berlin.Sollte er tatsächlich noch leben, hat er von Sonntag an die Wahl, ob irgendjemandem sein Aufenthaltsort mitgeteilt wird - würde er je gefunden.Aber das interessiert schon längst niemanden mehr.Nachdem die Luftblase platzte, wendeten sich die zuvor so engagierten Medien neuen Skandalen zu.

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