Berlin : Keine Hilfe für die Hauptschulen

Trotz Rütli-Schock: In der Koalitionsvereinbarung kommen die Probleme der „Restschule“ nicht vor

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Sieben Monate nach dem Rütli-Schock sind Berlins Hauptschulen den Regierungsparteien nur noch einen Nachsatz wert: Im vierseitigen Schulteil der Koalitionsvereinbarung von SPD und Linkspartei nimmt zwar die Gemeinschaftsschule eine ganze Seite ein. Auch andere Themen finden ausgiebig Erwähnung. Die Problematik der 58 Hauptschulen, von denen sich ein Großteil latent im Ausnahmezustand befindet, kommt aber nicht zur Sprache. „Man lässt die Hauptschulen im Regen stehen“, urteilt Landeselternsprecher André Schindler. „Man wurstelt so weiter“, fürchtet auch Norbert Gundacker, Hauptschulreferent der GEW.

Selbst Befürworter der Gemeinschaftsschule wie die ehemalige grüne Stadträtin und jetzige Hauptschulleiterin Karla Werkentin finden, dass die Koalition eine große Chance vertue, wenn sie sich einseitig um die Gemeinschaftsschule kümmere. Denn dadurch gingen fünf Jahre ins Land, in denen sich nichts Grundsätzliches bei den Hauptschulen ändere. Sie plädiert dafür, dass die Hauptschulen schon 2007 keine Schüler mehr aufnehmen. Stattdesssen sollten sie mit Gesamt- und Realschulen zu einer „Sekundarschule“ fusionieren, neben der es dann noch Gymnasien gäbe.

Diesen Plan hatten auch Teile der SPD favorisiert, waren damit aber nicht durchgedrungen. Denn andere Sozialdemokraten befürchten wie die PDS, dass dadurch „die Zweigliedrigkeit zementiert wird“, wie es Marc Schulte, SPD-Bildungsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf ausdrückt. Und das wäre das Aus für die Gemeinschaftsschule.

Damit es dazu auf keinen Fall kommt, wollen die Koalitionäre aber nicht nur die Hauptschulen erstmal sich selbst überlassen. Sie haben auch in der Koalitionsvereinbarung alles so formuliert, als könne der geplante Probelauf der Gemeinschaftsschule nur ein Erfolg werden. So wurde der stets benutzte Begriff „Pilotversuch“ ersetzt durch das Wort „Pilotphase“, der – ohne Wenn und Aber – der „schrittweise Einstieg in eine Gemeinschaftsschule“ folgt. Dass sich mit diesen Formulierungen einseitig die Linkspartei und der linke SPD-Flügel durchgesetzt hat, will Schulte so nicht stehen lassen. Er selbst gehörte zur Verhandlungsrunde der Koalition und betont, dass die Frage, was nach 2011 komme, völlig offen sei.

Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) versicherte gestern, dass er sein Wahlversprechen einhalten werde: „Es bleibt dabei, dass es mit mir keinen Kulturkampf in Berlin geben wird, erst recht keine Abschaffung der Gymnasien", sagte er dem Tagesspiegel. Zu den schon bestehenden fünf Gemeinschaftsschulen käme nun ein wissenschaftlich begleiteter Modellversuch über mehrere Jahre, „auf freiwilliger Basis und auf Beschluss der Schulkonferenz“. Das Modellprojekt sei nur „ein ganz kleiner Teil der Berliner Schullandschaft“ und keineswegs eine flächendeckende Einführung der Gemeinschaftsschule. Mit den 22 Millionen Euro, die dafür in der neuen Wahlperiode zur Verfügung stehen, müssten nicht nur pädagogische Verbesserungen in den Modellschulen, sondern auch erforderliche Umbauten bezahlt werden.

Das überzeugt die Kritiker nicht. „Mit dem Geld hätte man die Hauptschulen auf einen Schlag zu Ganztagsschulen machen können“, hält Karla Werkentin dagegen. Es sei eine „Sauerei“, dass man dafür in einen Versuch investiere, der in der Stadt ohnehin nicht mehrheitsfähig sei. Nicht einmal Wowereit glaube ja daran, dass man die Gymnasien abschaffen könne.

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