Berlin : Keine Hilfe unter diesem Anschluss

Weil der Senat die Zuschüsse für den Giftnotruf kürzte, landen Eltern und Kinderärzte häufig in der Warteschleife

Ingo Bach

Die Versorgung vergifteter Kinder in Berlin habe sich dramatisch verschlechtert, klagen Kinderärzte. Der Grund: Im April 2003 wurde der Giftnotruf neu organisiert, weil Berlin seine Zuschüsse mehr als halbierte. Seitdem gibt es weniger Berater. „Rat suchende Eltern und Kinderärzte bekommen unter der Giftnotrufnummer oft nur ein Besetztzeichen oder eine automatische Bandansage“, sagt Elke Jäger-Roman, Vorsitzender des Berufsverbandes Berliner Kinderärzte.

Dabei geht es gerade bei Kindern, die sich mit Haushaltsreinigern oder mit ungenießbaren Beeren vergiftet haben, um Minuten. „Wenn die Eltern dann nicht schnell genug beraten werden, sind die Kinder gefährdet“, sagt Jäger-Roman. Und das gilt nicht nur für Eltern, die selbst die Nummer wählen, sondern auch für Ärzte, die auf die große Datenbank des Notrufs zurückgreifen wollen.

Bundesweit gibt es mehrere Giftnotrufe. Der Berliner Ableger galt als besonders kompetent in der Kinderheilkunde. Deshalb wird er bundesweit nachgefragt. „Doch Berlin zahlt nur noch für die Beratung seiner Bürger“, sagt Barbara Gerschler, Geschäftsführerin des Berliner Betriebs für Zentrale gesundheitliche Aufgaben (BBGes), zu dem der Giftnotruf gehört. 400000 Euro Zuschüsse zahle Berlin, vor einem Jahr waren es noch eine Million Euro. Deshalb muss der Giftnotruf auch Geld verdienen, zum Beispiel durch die Beratung von Krankenhäusern, die dafür einen Vertrag haben und bezahlen.

Dies ginge zu Lasten der Hilfe suchenden Eltern, sagt Kinderärztin Jäger-Roman. Nach Auskünften mehrerer Mitarbeiter des Giftnotrufs gebe es eine interne Anweisung, Anfragen von Vertragskliniken bevorzugt zu behandeln. Dem widerspricht Gerschler: „Bei uns werden alle Anrufer gleich behandelt.“

Der Selbstversuch zeigt jedoch etwas anderes. Trotz mehrerer Anläufe war es am Montag über Stunden nicht möglich, einen persönlichen Berater zu erreichen. Immer wieder landete man bei einer automatischen Bandansage: „Alle Beratungsärzte sind im Gespräch.“ Man möge die Giftnotrufe in anderen Bundesländern versuchen. Gleichzeitig wird eine Telefonnummer genannt, die „ausschließlich für Vertragskliniken“ gelte. Dort war dann auch sofort ein Ansprechpartner zu erreichen.

Es könne „in Einzelfällen“ vorkommen, dass Anrufer in der Warteschleife blieben, sagt auch Gerschler. Das sei aber bei allen bundesdeutschen Giftnotrufen so. „Der Beratungsbedarf ist sehr hoch.“ Im Jahr 2002 führten die Ärzte des Berliner Dienstes 38000 Beratungsgespräche – manche davon unnötig lange. „Es gibt Eltern, die trotz einer Kleinigkeit sehr viel Zeit in Anspruch nehmen“, sagt Gerschler. Und immer wieder würden die Beratungsmediziner den Ärger der Eltern zu spüren bekommen, die vorher ein paar Mal in der Warteschleife gelandet seien.

Die Kinderärzte fordern nun, das Angebot Niedersachsens anzunehmen, an der Universität Göttingen einen gemeinsamen Giftnotruf Nord mit dem Schwerpunkt Kinderheilkunde aufzubauen, den auch Berliner rund um die Uhr nutzen könnten.

Giftnotruf: 19240 (rund um die Uhr)

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