• Keine Lehrer für zweisprachigen Unterricht: Mehr türkische Schüler, weniger türkische Lehrer

Berlin : Keine Lehrer für zweisprachigen Unterricht: Mehr türkische Schüler, weniger türkische Lehrer

Jeannette Goddar

Trotz der ständig steigenden Zahl türkischstämmiger Kinder an Berliner Schulen sinkt die Zahl der türkischen Lehrer unablässig. Nach Angaben von Gerhard Weil vom Berliner Institut für Lehrerfortbildung sind zurzeit von einst 294 türkischen Lehrern nur noch etwa 130 im Schuldienst. Wenn sich die Tendenz fortsetze, so Weil, unterrichteten in wenigen Jahren weniger als hundert türkische Lehrer an Berliner Schulen. Nach Ansicht von Weil ist die Anwesenheit türkischer Lehrer im Berliner Schuldienst nicht nur für die Durchführung der zweisprachigen Alphabetisierung unabdingbar. "Auch bei den türkischen Eltern haben türkische Lehrer oft enorme Vorteile, weil sie den selben kulturellen Hintergrund haben", sagt Weil. Für deutsche Lehrer sei Vertrauensbildung oft ein langwieriger Prozess.

Die türkischen Lehrer wurden in zwei Schüben und jeweils zu Hochzeiten des Familiennachzugs eingestellt: Erstmals wurden Mitte der 70er-Jahre türkische Grundschullehrer angeworben; Anfang der 80er Jahre folgte eine zweite Einstellungswelle, bei der vor allem jüngere und besser ausgebildete Lehrer ausgewählt wurden. Vor allem die Lehrer der ersten Generation nähern sich dem Pensionsalter. Eine weitere gezielte Einstellung türkischer Lehrer hat es seither nicht gegeben; türkischstämmige Absolventen deutscher Universitäten gibt es nach wie vor kaum. Etwa jeder zehnte Berliner Schüler ist inzwischen türkischer Herkunft.

Inzwischen mehren sich die Stimmen derer, die eine neue Politik fordern: "Händeringend" suche man immer wieder türkische Kollegen, um wenigstens die wenigen noch verbliebenen Klassen, die Kinder zweisprachig alphabetisieren, aufrecht erhalten zu können, sagt eine Lehrerin der 6. Grundschule in Kreuzberg. Auch erhebt sie schwere Vorwürfe gegen die Schulverwaltung: Es herrsche Missmanagement; außerdem sei man dort "offenbar der Ansicht, Türken bräuchten hier keine Identifikationsfiguren". Welche Rolle türkische Lehrer spielen, bestätigt auch Christel Kottmann-Mentz, Leiterin der deutsch-türkischen Europaschule in Kreuzberg: "Die Kinder fühlen sich oft von ihnen völlig anders angenommen als von deutschen Kollegen."

Der Türkische Elternverein fordert deswegen einen Einstellungskorridor: Berlin solle auf absehbare Zeit jedes Jahr zwanzig türkische Lehrer einstellen, so Vereinssprecher Özcan Ertekin. Die Elternvertretung wünscht sich aber auch die Ausweitung muttersprachlichen Unterrichts an Berliner Schulen. "Grundsätzlich sollte muttersprachlicher Unterricht an allen Schulen, die von Türken besucht werden, angeboten werden", so Ertekin; außerdem solle das Fach Türkisch versetzungsrelevant werden. Zurzeit ist sowohl muttersprachlicher Unterricht als auch zweisprachige Alphabetisierung die Ausnahme, das Fach Türkisch an Grundschulen wird nicht bewertet, sondern lediglich als "Bemerkung" eingetragen.

"Dringenden Handlungsbedarf" sieht auch der bildungspolitische Sprecher der Berliner Grünen, Özcan Mutlu. Es müsste unter türkischstämmigen Abiturienten verstärkt für die deutsche Lehrerausbildung geworben werden. Auch Kreuzbergs Bildungsstadträtin Hannelore May (Bündnisgrüne) fordert, gezielt für das Studium des Faches "Türkisch als Zweitsprache" zu werben. May verweist darauf, dass in der Praxis einige der türkischen Lehrer an Berlins Schulen nicht besonders gut ausgebildet seien. Auch daran leide die zweisprachige Alphabetisierung. Die wenigen türkischen Lehramtsstudenten an deutschen Universitäten wiederum seien ja nicht per se in der Lage, Kinder in türkischer Sprache zu unterrichten.

Bereitschaft, sich künftig stärker um türkische oder türkisch sprechende Lehrer zu bemühen, signalisiert aber auch die Schulverwaltung. "Dass Kinder ihre Muttersprache brauchen, ist völlig klar", sagt Angelika Knubbertz, persönliche Referentin von Senator Klaus Böger, "und der Bedarf an Lehrern, die Türkisch unterrichten können, wird sicher zunehmen."

Allerdings stehe die Verwaltung bei der Ausweitung des muttersprachlichen Unterrichts vor einem Dilemma. Angesichts der ständig steigenden Abbrecherquoten türkischer Schüler müsse primäres Ziel sein, ein "massenhaftes soziales Abgleiten" zu verhindern. Und dazu, so Knubbertz gehöre eben auch, "dass wir uns sehr forciert um die deutschen Sprachkenntnisse bemühen müssen." Was allerdings die Frage der notwendigen Identifikationsfiguren für türkische Schüler anginge, sagt Knubbertz: "Darum müssen wir uns in der Tat stärker als bisher kümmern."

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