Berlin : Keine Liebe ohne Leiden

100 Jahre und immer noch nicht angepasst: Der 1. FC Union bleibt ein eigenwilliger Fußballklub. Heute kommt Borussia Dortmund

Lothar Heinke

Berlin - Der Bus mit dem Logo rollt schon lange durch Berlin, aber nun sind sie auch noch aufs Wasser gegangen. „Victoria“ heißt das Ausflugsschiff mit dem Vereinssymbol am Heck. Zwei Wünsche fahren immer mit, wenn der Kahn über Spree und Dahme schippert: Der Schlachtruf „Und niemals vergessen – Eisern Union“ steht in großen Lettern auf der einen Seite, auf der anderen, trotzig und selbstbewusst: „Union wird niemals untergehen.“

Der Fußballverein aus dem Südosten Berlins feiert über das ganze Jahr verteilt zwei Jubiläen: 100 Jahre Fußballtradition, die mit dem Namen Union und Oberschöneweide verbunden ist, und 40 Jahre unionische „Neuzeit“ – im Januar 1966 wurde der 1. FC Union gegründet. Zum sportlichen Höhepunkt der Feierlichkeiten spielt heute ab 16 Uhr Borussia Dortmund im Stadion „An der Alten Försterei“. Der Jubilar engagierte keck den prominenten Ex-Klub seines Sportdirektors Jörg Heinrich: Union hat schon immer eine dicke Lippe riskiert und sieht in dem Gast einen willkommenen Sparringspartner für die neuen Herausforderungen, die in der Regionalliga auf die Rot-Weißen warten.

Regionalliga! Vorbei, aber nicht vergessen sind die Oberliga-Gastspiele in Falkensee-Finkenkrug, Torgelow oder bei Yesilyurt Berlin, denen Unions Anhang die Stadionkassen füllte. Nun geht es hinaus aus der Mark in die überregionale Fußballwelt, im Internet melden sich schon die Unioner „im Exil“ und freuen sich, wenn „ihre Jungs“ kommen: Wilhelmshaven, Hamburg, Kiel, Düsseldorf, Dresden, Osnabrück. Auch diesem Anfang wohnt ein Zauber inne. Union hat Erfahrung darin, neu zu beginnen, jahrzehntelang. Die Elf der einstigen Schlosserjungen aus dem Industriegebiet Schöneweide, die vor Urzeiten von einem Fan mit dem berufstypischen „Eisern!“ angefeuert worden sein soll, begann wie ein fußballerischer Wanderzirkus.

Die Anfangsjahre sind ein einziges Hin und Her: Mal hießen sie Frisch Auf, mal Olympia, dann wieder FC Helgoland, aber immer war Oberschöneweide im Spiel, so auch am 14. März 1910, als sich der Verein den Namen Sport Club Union Oberschöneweide gab. Zur Einweihung des Stadions Alte Försterei sahen im August 1920 mehr als 7000 Zuschauer einen 2:1-Sieg des damaligen Deutschen Meisters 1. FC Nürnberg, drei Jahre später lockte ein Endspiel um die deutsche Meisterschaft zwischen dem HSV und Union (3:0) 64 000 Fans ins Grunewaldstadion, den Vorläufer des Olympiastadions. Dort wollten im Juli 1948 sogar 70 000 Zuschauer das Duell Union – St. Pauli in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft sehen, Union verlor das Spiel, aber nie die Sympathien der Fans. Damals, 1950, als fast die komplette Truppe in den Westen ging, weil kalte Krieger aus Ost-Berlin die Teilnahme an der Meisterschafts-Endrunde in Kiel verboten hatten. Union-Fans verfolgten die Elf, die nun Union 06 hieß, bis ins Poststadion, in Köpenick wurde unter anderem Namen weiter gekickt. Einmal, im März 1952, kamen 20 000 Zuschauer ins Walter-Ulbricht-Stadion, als die beiden „Brüder“ gegeneinander spielten: Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor Oberschöneweide – SC Union 06, Endstand 0:2. Den jetzigen Namen trägt der 1. FC Union seit seiner Neugründung am 20. Januar 1966. In den 40 Jahren ist der Verein immer etwas anders gewesen. Die Rolle des Underdogs hat den pfiffigen, unangepassten, durch Leid gestählten und manchmal schon masochistischen Fans, die für ihren 1. FC Union bluten und ihr letztes Hemd hergeben, immer gefallen. Keine Liebe ohne Leiden beim Köpenicker Kiezfußball, der nun, wieder einmal, nach Höherem strebt.

Neue Mannschaft, neues Spiel, neues Glück. Auch der Fußball lebt vom Geld, und so sehen die Fans heute gegen Dortmund die Premiere eines neuen VIP-Bereichs direkt an der Haupttribüne. Man braucht mehr Sponsoren aus ganz Berlin, selbst um den Preis, dass die Plastikschälchen von zwei Tribünensitzplatzblöcken komplett nur noch als „Business-Seats“ vermietet werden. Für die Regionalligasaison werden für diese Plätze nun schlappe 1600 Euro – statt bisher knapp 300 Euro – verlangt.

Der wahre Fan motzt, kommt aber trotzdem. Und Nina Hagen gibt mit der Vereinshymne den Takt dazu: Den Sieg vor den Augen, den Blick weit nach vorn, zieh’n wir gemeinsam durch die Nation. Osten und Westen – unser Berlin: Gemeinsam für Eisern Union.

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