Berlin : Keine Rede von den Opfern

Mit einem neuen Internet-Auftritt erinnert der Senat an die Mauer. Hubertus Knabe hat die Seite getestet

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Was ist der Unterschied zwischen einem Märchen und dem Sozialismus? Ein Märchen fängt an mit „Es war einmal“ – der Sozialismus mit „Es wird einmal“.

An diesen DDR-Witz fühlt man sich erinnert, wenn man sieht, wie Berlin mit seiner berühmtesten Sehenswürdigkeit – der Mauer – umgeht. Seitdem im Juli 2005 unter beifälligem Nicken des Senats die Holzkreuze am Checkpoint Charlie gewaltsam abgeräumt wurden, besteht das offizielle Mauergedenken vor allem aus Ankündigungen. Obwohl PDS-Kultursenator Thomas Flierl damals baldigen Ersatz versprochen hatte, gibt es bis heute keinen Ort, der den Schrecken des DDR-Grenzregimes sichtbar macht. Am Checkpoint Charlie erstreckt sich seitdem eine schäbige Stadtbrache.

Ein Dreivierteljahr später ist jetzt erstmals eine der Ankündigungen umgesetzt worden: kein zentrales Denkmal am Brandenburger Tor, wie vom Bundestag gefordert; auch keine Rekonstruktion des tödlichen Grenzstreifens, wie ihn die Touristen suchen. Stattdessen – eine Internetseite. Seit letzter Woche kann man unter www.berlin.de/mauer den Beitrag des Senats zum verbesserten Mauergedenken besichtigen. Doch die Seite ist so bescheiden, lieblos und unvollkommen wie alles, was die Stadt bislang bei diesem Thema zustande bekommen hat. Sie erreicht nicht einmal das Niveau, das andere Internet-Seiten schon seit Jahren bieten (z.B. www.chronik-der-mauer.de).

Die Startseite stellt – entgegen der Überschrift „Die Berliner Mauer“ – nicht das monströse Bauwerk vor, mit dem die SED eine europäische Metropole in zwei hermetisch getrennte Stadthälften teilte. Der Besucher erfährt vielmehr, dass die Mauer aus der wiedervereinigten Stadt „lange verschwunden“ sei. Anschließend wird er im besten Computer-Kauderwelsch darüber belehrt, dass er zum Betrachten einer Karte „Flash“ benötige und ein „Flash-PlugIn“ „downloaden“ könne.

Hat man diese Hürde genommen, verweist die Seite auf sechs Kapitel, die seltsam zusammengewürfelt erscheinen: von „Grenzübergängen“ über „Gedenkstätten“ bis zu „Dokumentationszentren“ und „Der Bau der Mauer“. Wo findet man nun die Erklärung, was die Mauer eigentlich war und wie sie das Leben der Menschen bestimmte?

Vielleicht hilft ja die linke Navigationsleiste weiter. Hier stutzt man zunächst über die Überschrift „,Die Berliner Mauer‘ von Klaus Wowereit“ – als wäre der Mann, dessen Funktion ungenannt bleibt, Besitzer oder gar Erbauer eines solchen Bauwerks in der Hauptstadt. Weiter unten stößt man dann auf zwei Überschriften, die mehr Aufklärung versprechen: „Bau der Mauer“ und „Öffnung und Fall der Mauer“. Was aber geschah in den langen 28 Jahren dazwischen?

Statt die bedrückende Situation des Eingemauertseins verständlich zu machen, widmet sich die Senatsseite ausführlich den „Mauer-Spuren“ in der Stadt. Die Ausführungen sind einem gleichnamigen Fachbuch entnommen und lassen selbst den gutwilligsten Besucher bald resignieren: Die Berliner Mauer, so heißt es da zum Beispiel, „sollte als Sachgesamtheit begriffen werden, als eine Art Erinnerungslandschaft, die sich in einer unendlichen Vielzahl unterschiedlicher Teilbefunde auf einem ausgedehnten Gebiet abbildet.“ Auch das nächste Kapitel „Mauer-Denkmale“ ist in einem ähnlichen Spezialistenjargon verfasst – für Schüler oder Touristen gänzlich ungeeignet.

Unverzeihlicher aber ist, was die offizielle Homepage des Senats zur Mauer nicht enthält: Kein Kapitel widmet sich den dramatischen Fluchtversuchen in Berlin, keines den Tausenden Ausreiseantragstellern. Nirgendwo werden wenigstens einige Berliner vorgestellt, die – vielfach blutjung – an der Mauer erschossen oder schwer verletzt wurden.

Auch zu den über 72 000 Menschen, die wegen des DDR-Grenzregimes in Haft kamen und zu den mittlerweile gut erforschten Fluchthilfeorganisationen findet sich kein Eintrag. Die zentrale Rolle des Staatssicherheitsdienstes bei der Sicherung der Grenzen bleibt ebenso unerwähnt wie die mühseligen Versuche der Justiz, die Verantwortlichen nach dem Ende der DDR zu bestrafen. Dass die Seite nur auf Deutsch abrufbar ist, dass sie weder Dokumente noch Unterrichtsmaterial bereithält und insbesondere für Jugendliche denkbar unattraktiv ist, erscheint dagegen fast schon zweitrangig.

Das virtuelle Mauergedenken Berlins demonstriert ein verhängnisvolles Missverständnis, das für das neue Gedenkkonzept nichts Gutes ahnen lässt: Den Verantwortlichen geht es nicht darum, die politischen und menschlichen Dimensionen dieser historisch beispiellosen Grenze sichtbar zu machen, sondern um eine Art architektonische und archäologische Spurensicherung. Doch die Berliner Mauer ist kein Relikt aus der Slawenzeit, sondern Symbol einer menschenverachtenden Diktatur, die erst vor 16 Jahren zusammengebrochen ist. Darüber gilt es Besucher und Nachgeborene endlich aufzuklären.

Der Autor ist Direktor der Opfer-Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen.

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