Berlin : Keine sichere Bank mehr: Immer mehr Filialen schließen

Tobias Arbinger

Nur noch die typischen Fensterrahmen aus Aluminium erinnern daran, dass in der Ladenzeile Karl-Marx-Allee 62 in Friedrichshain bis vor kurzem eine Niederlassung der Deutschen Bank 24 saß. Neuerdings befindet sich hier ein Fachgeschäft für E-Gitarren. Und wo liegt die nächste Filiale? "Ich glaub, am Alex ist eine", sagt ein vorbeikommender Rentner. Die Deutsche Bank hat die Krise des Gewerbes erreicht. Im Laufe dieses Jahres hat sie allein 14 ihrer bis dahin knapp 100 Berliner Filialen dichtgemacht. Die Beschäftigten wurden in andere Geschäftsstellen versetzt. Dasselbe Bild bei der Dresdner Bank. Sie hat von ihren 60 Berliner Filialen sechs geschlossen. "Wenn sich ein Standort nicht rechnet, weil nicht weit entfernt die nächste Filiale ist, überlegt man eine Zusammenlegung", sagt Dresdner-Bank-Sprecherin Marion Pöll.

Rund 50 Bankfilialen sind in Berlin allein in diesem Jahr geschlossen worden: Neben den 14 bei der Deutschen, den sechs bei der Dresdner Bank, zwölf bei der Hypovereinsbank. Die Commerzbank hat ihr Berliner Netz (ehemals rund 100 Filialen) um 15 Standorte verkleinert. Damit nicht genug: Die Commerzbank will weitere zehn Geschäftsstellen auflösen. Und auch die Deutsche Bank schließt nicht aus, dass ihr Filialnetz noch dünner wird.

Auch die krisengeschüttelte Bankgesellschaft Berlin muss "umstrukturieren". Der Berliner Marktführer, zu dem Sparkassen und Berliner Bank gehören, rechnet in diesem Jahr mit 800 Millionen Euro Verlusten, 4000 Arbeitsplätze sollen dort wegfallen. "Eine Aussage über die künftige Zahl der Filialen" sei allerdings "derzeit nicht möglich", sagt ein Sprecher. In den vergangenen Jahren seien bereits 40 Filialen der Sparkasse und Berliner Bank in Berlin und Brandenburg geschlossen worden. 260 gibt es noch. Nur die genossenschaftliche Volksbank schwimmt gegen den Trend. Das stark auf Privatkunden ausgerichtete Unternehmen baut ihr Netz sogar noch aus.

Der Filialabbau gehört zu einem Umbruch, der Experten zufolge von den Banken zu lange verzögert wurde. Deutschland sei overbanked, heißt es vom Bundesverband Deutscher Banken (BdB). Im internationalen Vergleich habe Deutschland mehr Filialen pro Einwohner als andere Länder. Der Abbau habe schon vor dem Konjunktureinbruch begonnen. Die Krise beschleunige aber möglicherweise Entscheidungen in den Führungsetagen. Derzeit "sieht es wirklich nicht gut aus", sagt Commerzbank-Sprecher Peter Pietsch. "Das Filialnetz ist zu teuer, es muss gestrafft werden", sagt Commerzbank-Sprecher Dieter Schütz. Die Unternehmen würden damit auch auf ein verändertes Verhalten der Kunden reagieren, die sich der zunehmenden Technisierung angepasst haben. Immer weniger Menschen holen ihr Geld am Banktresen ab. Stattdessen gehen sie an den Automaten, das ist bequem und für die Bank billiger. Das Angebot an Automaten, Online-Banking und Telefonservices wird deshalb immer weiter ausgebaut. Für "erklärungsbedürftige" Leistungen wie Kredite, die Baufinanzierung und den Wertpapierhandel, werde es aber nach wie vor Bankangestellte aus Fleisch und Blut geben.

Wie stark sich das Bankgeschäft verändert zeigt vor allem das Online-Banking via Internet. Rund 15 Millionen Online-Konten zählte der Bundesverband der Banken Ende 2000 in Deutschland. 20 Millionen sollen es bald sein. "Jeder Dritte unserer Kunden ist auch online", sagt der Deutsche-Bank-Sprecher Christian Hotz. Die meisten Klienten wollen beides: "Online-Banking, um abends noch schnell eine Überweisung zu machen" und die Beratung vor Ort, "wenn es um etwas Wichtiges geht". Dem Trend entsprechend gliedert die Deutsche Bank 24 im kommenden Jahr ihr Filialnetz um. In vollautomatisierte "Moneyshops" und "Finanz- und Investmentcenter" mit Personal. Die Kreditinstitute erwarten von dem Umbau eine "Optimierung" des Angebots. Die Wege zu den Filialen "sollen zumutbar" bleiben, heißt es bei der Commerzbank. Die Deutsche Bank verspricht, in Berlin weiterhin "ein dichtes Netz" zu unterhalten.

Verbraucherschützer befürchten hingegen Nachteile für die Kunden. Gerade ältere Menschen stünden Telefon-Services und Online-Banking skeptisch gegenüber, sagt Peter Lischke von der Verbraucherzentrale. "Für sie gibt es Erschwernisse". Letztlich würde weniger Personal für die persönliche Beratung angeboten. Gereizt reagiert der Geschäftsführer des Berliner Einzelhandelsverbandes, Nils Busch-Petersen, auf die Ausdünnung der Filialnetze. Der Einzelhändler würden jetzt schon ungenügend betreut, findet er. Busch-Petersen: "In Zeiten, wo wir immer mehr kundenorientiert arbeiten müssen, ist es schon ein Ding, dass sie sich immer mehr aus dem Service zurückziehen."

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