Berlin : Keine Zeit für Kaffeekränzchen

Bloß nicht die Welt sich selbst überlassen – wie junge Alte ihren Alltag in Berlin leben

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Ob Thai Chi oder Spanisch, ein Kurs an der Uni oder ehrenamtliches Engagement: Die Generation 65 plus hat viel zu tun. „Die ’jungen Alten’ sind heute viel aktiver als früher“, sagt Heidemarie Fischer, die mit bald 65 die Vorsitzende der Berliner Landesseniorenvertretung ist. Das Klischee vom langweiligen und einsamen Lebensabend, sagt sie, an dem die Höhepunkte von Kaffeekränzchen und dem Fernsehprogramm bestimmt wurden, ist überholt. Für Kaffeekränzchen hätten viele Senioren, wie sie lachend sagt, nun wirklich keine Zeit.

Auch Reinhard Nake und seiner Frau Brigitte Nake-Mann geht es so. Sich einfach ins Private zurückziehen und die Welt sich selbst überlassen, kommt für die beiden Ruheständler nicht infrage. 2006 sind sie sogar extra umgezogen, um aktiv sein zu können – nach 15 Jahren in Würzburg ging es nach Berlin, wo sie sich in den 1960er Jahren kennengelernt und studiert hatten.

Die Nakes gehören zu den rund 19 Prozent der Berliner, die 65 Jahre und älter sind. Und sie sind Teil eines Trends: Solange die Gesundheit es zulässt, bleiben Senioren aktiv. „Viele Senioren ziehen zurück in die Stadt. Sie möchten nicht am Stadtrand alt werden, sondern alles um die Ecke haben“, sagt Gabriele Wrede, die stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises Berliner Senioren und Vizepräsidentin des Landessportbunds Berlin. „Die heutigen Rentner halten sich fit und gesund“, sagt sie. Weil bei manchen Senioren Familie fehlt, sei es außerdem besonders wichtig, auch nach außen Kontakte zu knüpfen, um nicht zu vereinsamen.

Aktiv war das Ehepaar Nake schon immer: Er, der Architekt und Verkehrsexperte, sie, die zuletzt Seminarleiterin an einer Akademie für politische Erwachsenenbildung war und sich ehrenamtlich für Umwelt- und Frauenbelange eingesetzt hat. Nun nutzen die Neu-Moabiter die Stadt und ihre Möglichkeiten: Der 68-Jährige erzählt von dem Literaturzirkel, dem er und seine 66 Jahre alte Frau angehören, von den Theaterbesuchen, seinem wöchentlichen Chorsingen und dem Hobby seiner Frau, der Fotografie. Gemeinsam setzen sie sich in Bürgerinitiativen ein, um Bäume zu retten oder Straßen schöner zu machen. Wichtig ist ihnen auch ihr friedenspolitisches Engagement: Kürzlich organisierten sie mit der Martin-Niemöller-Stiftung einen Gastaufenthalt ehemaliger Zwangsarbeiter des Nazi-Regimes aus der Ukraine in Berlin und Brandenburg.

Seniorenvertreterin Heidemarie Fischer rät, es den Nakes gleichzutun, um sich im Alter nicht allein und ausgegrenzt zu fühlen: Schon vor der Rente sollte man ein Hobby oder einen Verein finden, um etwas zu haben für die Zeit nach dem Arbeitsleben. „Es ist schwierig, erst mit dem Hobby anzufangen, wenn man aus dem Beruf ausscheidet“, sagt sie.

Natürlich, sagt Reinhard Nake, seien sie trotz aller Aktivität nicht jeden Tag beschäftigt: „Wir befinden uns immer auf der Gratwanderung zwischen Rückzug und weiterem Engagement“, sagt er. Manchmal genießen sie auch einfach die Ruhe in ihrer hellen, altersgerechten Wohnung. Das Haus hat einen Aufzug – noch wird er von den Nakes kaum benutzt, weil die Treppe in Schwung hält – aber auf ihn wurde geachtet, weil er bei zunehmendem Alter immer wichtiger wird. Auch die gute Verkehrsanbindung war mitentscheidend für sie.

Solange der Körper mitmacht, sagen sie, gibt es noch so vieles, was sie entdecken wollen: Ausstellungen, Plätze in der Stadt, das Umland. Und sie wollen eintreten für das, was sie sich wünschen: Neuerdings arbeiten sie in der Stadtteilvertretung „Aktives Stadtzentrum Turmstraße“ mit – sie in der Arbeitsgruppe Grün für den Kleinen Tiergarten, er in der Gruppe Verkehr.

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