Berlin : Keinem was beweisen müssen

Jasmin Wagner spielt im Theater Schlagerstar Alexandra. Früher war sie selbst einer – als Blümchen

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Schweigt zum Thema: Jasmin Wagner.
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Ach nein, jetzt knickst sie zum Abschied. Wo sie doch die ganze Zeit 31 Jahre alt und Jasmin Wagner war. Eine Frau, die Songs schreibt und Theater spielt. Und nun dieser Knicks, wie ein kleines kesses Mädchen. Das ist nun wieder mehr Blümchen, der Popstar für Kids und Teens, der Jasmin Wagner in den Neunzigern war. Tja, dann wird wohl beides zusammengehören: die 15 Jahre alte Göre, die mit ihrem Hitsong „Herz an Herz“ ins Musikgeschäft stürmte, die erfolgreichste Sängerin der Neunziger, die Millionensellerin, die „Diddl-Maus fürs Ohr“, wie Kritiker sie nannten, und diese in existenzialistisches Schwarz gekleidete Schauspielerin aus Hamburg, die am Schlosspark-Theater die seelischen Abgründe der Schlagersängerin Alexandra auslotet und ziemlich abgeklärt übers Showgeschäft redet. Die Züge glatt und hübsch und wie zu Blümchens Zeiten, das Lächeln strahlend wie das Lipgloss, das Wesen fröhlich, vielleicht sogar frei. Wie bei einer, die nichts mehr beweisen muss. Nicht mehr alles und nicht mehr jedem, das wenigstens.

Sie kommt direkt von der Probebühne gestürzt. Wortwörtlich. Sonnabend hat die Produktion mit dem nicht eben subtilen Titel „Alexandra – Glück und Verhängnis eines Stars“ Premiere. Geschrieben hat das Stück, das ausdrücklich kein Musical, sondern Theater mit Musik sein will, der deutsche Musical-König Michael Kunze. Im Stück muss Alexandra fallen und das tut Jasmin Wagner nicht nur gespielt, sondern wirklich weh. Kaum sitzt sie im Theaterfoyer, kommt automatisch ihr Getränk. Es ist bei jedem Gespräch dasselbe. „Die Rockstars von heute trinken alle grünen Tee“, sagt sie und grinst. Das zumindest war in den Sechzigern noch deutlich anders, als ihre Figur, die legendenumrankte, mit nur 27 Jahren tödlich verunglückte Schlagersängerin, lebte.

Sonst hat Jasmin Wagner aber Parallelen zwischen sich und Alexandra ausgemacht. Die sei auch eine junge Frau gewesen, die in einer manipulativen Musikbranche um Selbstbestimmung rang. Ex-Blümchen schüttelt sich immer noch, wenn sie an bestimmte Episoden ihrer Popstarzeit denkt. „Diese Meetings, wo die Leute von Plattenfirma und Promotion über dich reden, als seist du gar nicht da, sondern nur irgendein Produkt“, sagt sie. Und als sie las, dass die vom Management aufs Klischee von der russischen Seele getrimmte Alexandra mit der dunklen Stimme ihren Hit „Sehnsucht“ im Gegensatz zu „Zigeunerjunge“ oder „Mein Freund der Baum“ komplett verabscheut hat, sei ein freundschaftliches Gefühl in ihr aufgestiegen. „Mir ist das Lied auch viel zu klebrig“, sagt Jasmin Wagner. Der Idealismus, der Lebenshunger und die rebellische Haltung der Sängerin gefallen ihr, deren unglücklicher Hang zu sehr viel älteren Männer aber gar nicht. Alexandras Tod sei 1969 für die Deutschen so ein Schock gewesen, wie für sie vor einigen Wochen der von Amy Winehouse, glaubt Wagner. „Wenn jemand, der diese Genialität hat, so früh geht, trifft einen das immer.“

Im Schlosspark-Theater hat die Hamburgerin schon mal gespielt. Allerdings gab es da nicht mal annähernd so eine Medienwelle. Ist sie’s nicht langsam leid, über Alexandra, Blümchen und sich zu reden? Keineswegs, sagt die Schöne, die auch eine routinierte Moderatorin und Werbeträgerin ist: „Ich kann immer am längsten“.

Dass es mit der Chartstürmerei seit dem selbst gewählten Ende ihrer Blümchen-Zeit vor zehn Jahren nicht mehr so flutscht, scheint Jasmin Wagner ziemlich schnurz zu sein. Auf ihrem letzten Album „Die Versuchung“ von 2006 hat sie mit ihrem Songschreiber, dem Hamburger Unikum Bernd Begemann, zufällig schon mal die Sechziger zitiert. Kaufen wollte es kaum einer, aber die Kritiker mochten es. Das ist sowohl Blümchen als auch Wagner zum ersten Mal passiert. Jetzt plant sie wieder ein neues, mehr offenbart sie nicht. Sie macht schon lange nur noch, was und wann sie selbst es will. Deswegen zieht sie das Theaterspielen auch dem Musical vor, wo sie ebenfalls schon gebucht war. „Da gibt es immer selbst bei Gesten immer nur ein ‚Richtig‘ und ein ‚Falsch‘.“ Im Theater könne man nie den Verlauf eines Abends bestimmen, da gerate jeder anders und deswegen gut.

Für die Rolle als Alexandra hat sie extra Gitarrespielen gelernt. Seit fünf Monaten übt sie, langsam läuft es. Das Modell heißt kleine Senorita. „Sehr schön, aus dunklem Zedernholz.“ Eine Spezialanfertigung, extra für sie. „Wenn schon, denn schon“, sagt Jasmin Wagner Ein bisschen ist sie eben doch noch Popstar.

Schlosspark-Theater, Schlossstraße 48, Steglitz, Premiere Sa. 15.10., 20 Uhr, ab 18 Euro, www.schlossparktheater.de

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