Berlin : Keiner zieht so wie der Kanzler

Tag der offenen Tür: Im Amtssitz von Gerhard Schröder drängelten sich Tausende, in den Ministerien blieb es ruhig

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Von Annette Kögel

und Christian van Lessen

Die Regierung lässt bitten – und das Volk folgt auf dem Fuße. Zehntausende nutzten bereits gestern die Chance, beim Tag der offenen Tür hinter die Kulissen der Bundesregierung zu gucken. Auch heute noch wird sich das Kanzleramt als Publikumsmagnet erweisen – und den Ministerien viel Kundschaft abziehen: Am Dienstsitz von Gerhard Schröder schoben sich Menschenmengen an panzerglasgeschützten Dienstlimousinen vorbei. Die angekündigten Hubschrauber waren aber nicht zu sehen, sie sind in den Hochwassergebieten im Einsatz. In einigen Ministerien nahmen die Besucher Überweisungsformulare mit dem Spendenaufruf des Kanzlers für die Opfer der Flutkatastrophe mit.

Renate Müller aus Mitte hat zwei Stunden Kanzleramts-Sightseeing mit ihrem Mann Diethelm Schröder hinter sich. Ihr Fazit: „Mich erinnert dieser kühle Bau an ein Parkhaus.“ Eine halbe Stunde standen die beiden an – allein in den ersten zwei Stunden nach der Eröffnung drängelten sich 2400 Menschen zwischen den roten Kordeln durchs Erdgeschoss, ins Pressezimmer, in Konferenzräume, durch Garten und Park und zurück.

Schlange stehen vorm Kanzleramt? Das können die Tempelhoferinnen Margarita Giese, 70, und Margot Schulz, aus gesundheitlichen Gründen nicht. Am Behinderteneingang wurden die Damen mit Gehstock zurückgewiesen, weil sie keinen Behindertenausweis vorzeigen konnten. So ging es mit dem BVG-Shuttlebus zum Seniorenministerium an der Taubenstraße, da gibt es Bänke, Bratwurst und Ballons.

Schon am ersten Tag des „Staatsbesuchs“ bestätigt sich: Was nach Aktendeckeln und Ärmelschonern klingen mag, hat doch Spannendes zu bieten. Wie das Justizministerium an der Mohrenstraße. Hier führt Josef Billig, und der Wahl-Berliner aus dem Rheinland macht seinem n so gar keine Ehre. Als „Heimatvertriebener“ erklärt er schmissig und witzig und verrät, mit welchen Tricks sich ein Architekt selbstverwirklichen kann. Und noch ein „Dienstgeheimnis“ wird ausgeplaudert: Diese Plastikdohle auf dem Fensterbrett im Hof wird einmal in der Woche umgestellt, damit die Tauben wegbleiben.

„Trostlos“ entfährt es Besucherin Hanna Berg aus Hamburg beim Anblick des Büros des Bundesfinanzministers. Es wirkt karg und ärmlich, auf dem Schreibtisch stehen ein halbes Dutzend Sparschweine. „Die sind immer da, das ist keine Show“, versichert Eichel-Mitarbeiter Michael Leisinger. Gegen Mittag setzt der Run auf Führungen duchs Deutschlands größtes Bürohaus ein. Die 6,8 Kilometer Flure des einstigen Reichsluftfahrtministeriums müssen aber nicht komplett abgelaufen werden. Die Besucher sind beeindruckt von der Wucht des Hauses. Am Sonntag bleiben hier die Türen zu – Eichel spart.

Das Gesundheitsministerium an der Mohrenstraße bietet weniger Führungen, dafür Gesundheits-Checks für Kinder. Viele sind zu dick und essen falsch, stellt Professor Karl Bergmann vom Robert-Koch-Institut fest. Er misst Blutduck, auch bei Erwachsenen, und zwei mahnt er gleich, schnell zum Arzt zu gehen. Heute Mittag läuft die Kinder-Revue „Apfelklops“ über die Bühne, und auch dabei geht es um gesundes Essen und Bewegen.

Das Presse- und Informationsamt am Schiffbauerdamm hat für die Besucher gleich zwei rote Läufer ausgelegt, was einige richtig verlegen macht. Die Gäste stopfen sich kiloweise Broschüren in die Tragetaschen und erholen sich im Innenhof. Er wirkt kühl und schattig, fast mediterran. Hier wird gesungen und Saxophon gespielt. Im Verkehrsministerium ist es zu ruhig für den einzigen Besuchstag Sonnabend. Das Haus an der Invalidenstraße liegt offenbar zu abseits. Das Verteidigungsministerium an der Stauffenbergstaße ist dagegen ein Publikumsrenner. Vor dem Eingang steht ein Buddybär in Tarnfarbe, was jeden Betrachter amüsiert. Hinter dem Zaun können sie den Eurofighter besichtigen, zwei Hubschrauber, andere Militärfahrzuge, auch Taucher in einem Container. Es gibt Kuchen und Erbsensuppe, Live-Marschmusik oder Pop von Radio Andernach, dem Truppenbetreuungsender. Er sendet live. Wetterbericht für Afghanistan: „35 Grad, Sandverwehungen“.

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