Berlin : Kelle hoch - seit 100 Jahren

Klaus Kurpjuweit

Bett- und Unterwäsche, Sondermünzen, Briefmarken, Ausstellungen, Tunnelwanderungen, Betriebsbesichtigungen, Sonderfahrten und natürlich Feste - so will die BVG in diesem Jahr den 100. Geburtstag ihrer U-Bahn feiern und auf sich aufmerksam machen. Los geht es wie vor 100 Jahren: mit geladenen Gästen. Am 15. Februar 1902 war die erste Strecke mit einer Ministerfahrt eröffnet worden, am Freitag steht die Wiederholung auf dem Programm. Anschließend gibt es für alle Fahrgäste Sonderfahrten mit einem Oldtimer auf der U 15. Denn die Kunden sollen im Mittelpunkt stehen, wie BVG-Vorstand Hans-Heino Dubenkropp gestern sagte.

Exakt lässt sich die Fahrt von 1902 nicht mehr wiederholen. Das Gleisdreieck, wo der Premierenzug vor 100 Jahren zum Bahnhof Potsdamer Platz abbog, wurde nach einem schweren Unfall umgebaut. Verzweigungsstecken gibt es dort nicht mehr. Auch der Startbahnhof des ersten Zuges, die Station Stralauer Thor, direkt an der Oberbaumbrücke gelegen, ist nicht mehr vorhanden. Nach schweren Kriegszerstörungen wurde sie als einziger Bahnhof im gesamten Netz nicht wieder aufgebaut. So fahren die Ehrengäste am Freitag von der Warschauer Straße zum Gleisdreick, um im Technikmuseum weiterzufeiern.

Voraus fährt der älteste betriebsfähige Zug aus den 20er Jahren. Wie andere Oldtimer wird er von der Arbeitsgemeinschaft Berliner U-Bahn liebevoll gepflegt. Hier haben sich Freunde der U-Bahn zusammengefunden, die in ihrer Freizeit die alten Wagen am Leben erhalten. Mit dem Oldtimer will sich die BVG, so Dubenkropp, von den ersten 100 Jahren der U-Bahn verabschieden. Die nächsten 100 sollen dann Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im neuesten Zug der BVG "einfahren".

Im Oldtimer haben die Ehrengäste in der Fahrerkabine, wo es sie meist hinzieht, auch gar keinen Platz. Sie ist sehr eng. Im Zug der Neuzeit wird dagegen sogar extra die Rückwand ausgebaut, um freie Sicht auf die Strecke zu bieten. Und Bodewig darf wenigstens den Oldtimer offiziell abfertigen.

Das Heben der Kelle ist bei Politikern ein beliebtes Ereignis. Keine Streckeneröffnung ohne dieses Zeremoniell. Egal, ob Willy Brandt, Klaus Schütz, Walter Momper, Tino Schwierzina oder Eberhard Diepgen, dabei waren alle. Nur Kaiser Wilhelm II. blieb vor 100 Jahren der Eröffnung fern und ließ sich erst sechs Jahre später, bei einer Streckenverlängerung, mit der U-Bahn kutschieren. Klaus Wowereit muss als Regierender Bürgermeister dagegen wohl sehr lange auf ein solches Ereignis bei der U-Bahn warten. Deren Weiterbau hat er ja gestoppt.

Aber auch der gewöhnliche - und zahlende - Fahrgast darf sich am Freitag fühlen wie ein König. Zu den öffentlichen Sonderfahrten setzt die BVG ihren "Amanullah"-Wagen ein. Einen Zug dieser Bauart durfte Seine Hoheit Aman Ullah Kahn, Emir von Afghanistan, 1928 bei seinem Besuch in Berlin selbst steuern - und schon hatten diese Wagen ihre spezielle Bezeichnung erhalten. "Amanullah" klingt ja auch ganz anders als das offizielle AII der BVG.

Ähnlich populär wurden später noch die "Blumenbretter" und die "Tunneleulen". Zu "Blumenbrettern" wurden schmale Fahrzeuge, die für den Einsatz auf Strecken für breitere Fahrzeuge seitliche Bohlen angeschraubt bekamen. "Tunneleulen" waren Bahnen mit ovalen Fenstern in den Frontseiten.

Am Montag, dem Tag der ersten Fahrgastfahrten vor 100 Jahren, können die Kunden von heute dann ebenfalls mit dem ältesten noch vorhandenen Fahrzeug eine Reise in die Vergangenheit machen. Um dabei zu sein, müssen sie nicht einmal so früh aufstehen, wie die Premierenfahrgäste von 1902. Der erste Zug vor 100 Jahren war bereits um 5.26 Uhr abgefahren, am Montag geht es erst um die Mittagszeit los. Unterwegs ist der Sonderzug zwischen Warschauer Straße und Olympiastadion. Dort findet von 12 bis 20 Uhr im U-Bahn-Museum ein U-Bahn-Tag statt. Weitere Sonderfahrten mit allen einsatzfähigen Oldtimern gibt es dann das ganze Jahr über jeweils am dritten Sonntag im Monat. Ein Fahrzeugkorso auf dem Hochbahnabschnitt der U 1ist für den 25. August geplant. Weitgehend vergeben sind schon die Karten für die Tunnelwanderungen und für Vorführungen des fahrerlosen Betriebes bei der U-Bahn, START genannt. Per Internet (www.bvg.de) oder unter 19499 kann man sein Glück aber noch versuchen.

Beim fahrerlosen Betrieb war die BVG bei den Tests Vorreiter. Der Versuch wird in diesem Jahr beendet. Eingeführt wird die technische Revolution nicht im "Verkehrskompetenzzentrum" Berlin, sondern in Nürnberg.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben