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Kennedys Reden in Berlin : Ein rhetorisches Bravourstück

26.06.2013 10:52 UhrVon Josef Klein
Präsident mit Botschaft. John F. Kennedy wurde für eine Rede bejubelt und für eine andere bewundert.Bild vergrößern
Präsident mit Botschaft. John F. Kennedy wurde für eine Rede bejubelt und für eine andere bewundert. - Foto: Rolf Goetze/Stadtmuseum

Vor 50 Jahren sprach John F. Kennedy in Berlin die magischen Worte. Doch was hat der US-Präsident damals wie gesagt – und warum? Eine Analyse seiner beiden Reden von 1963 in Berlin.

Zwei Reden hielt John F. Kennedy am 26. Juni 1963 in Berlin – die eine am Schöneberger Rathaus vor 400 000 Zuhörern, die andere danach vor 20 000 an der Freien Universität, die dem US-Präsidenten die Ehrenbürgerwürde verlieh. Die Reden könnten unterschiedlicher kaum sein. Beide hatten gewaltigen Nachhall: die eine in den Köpfen der Menschen, die andere in der politisch-historischen Tiefenwirkung. Eine Analyse:

„Ich bin ein Berliner“ – ein rhetorisches Bravourstück

Viele Hunderttausend hatten dem US-Präsidenten schon bei der Fahrt im offenen Wagen durch Berlin enthusiastisch zugejubelt.

Er hatte Mauer und Todesstreifen gesehen. Daraufhin spitzte er das Redemanuskript stärker auf emotionale Wirkung und auf Abgrenzung zu. Die Bewohner der seit zwei Jahren eingemauerten Stadt sollten ermutigt und ihr Vertrauen in die Schutzmacht USA gestärkt werden. Er macht keine Versprechungen, sondern streichelt die geschundene Berliner Seele. „Stolz“ und „Freiheit“ sind die Schlüsselbegriffe. Er ist „stolz“ in „Berlin“ zu sein (nie sagt er „West-Berlin“). Schließlich lässt ihn der „Stolz“ als „a free man“ bekennen: „Ich bin ein Berliner.“ Die Konfrontation der politischen Systeme bleibt in dieser Rede ungemildert. Kennedy folgt dem rhetorischen Prinzip des Kontrasts: hier die „freie Welt“ mit Berlin als Vorposten, gipfelnd in einer Utopie der Freiheit für die gesamte Menschheit, dort Kommunismus und Mauer.

Potentielle Verharmloser des Kommunismus knöpft er sich in gespieltem Dialog gleich zu Beginn vor: Viermal legt er ihnen kommunismusfreundliche Aussagen in den Mund, um jeweils empört dagegen zu halten: „ Let them come to Berlin!“ – schließlich in Deutsch: „Lass’ sie nach Berlin kommen!“. Kennedy spielt seine rhetorischen Fähigkeiten auch im sprachlichen Detail aus. Gekonnt moduliert er die leicht metallische Stimme, sortiert Wörter und Sätze in eingängigem Rhythmus nach den Prinzipien von Spannung, Variation und Steigerung. Er fasziniert durch die kühne Übertragung der antiken Selbstbezeichnung „civis Romanus sum“ („Ich bin ein Römischer Bürger“) auf die Berliner und überrascht dreimal durch Einflechten deutscher Sätze – mit dem begeisternden Höhepunkt.

Fragt man nach der politischen Substanz der kurzen Rede (9 Minuten), so bleibt außer Ermutigung allerdings wenig. Ein politisches Konzept, das über den Erhalt des Status quo hinausgeht, ist nicht erkennbar. Ganz anders die Rede an der FU. Für sie nimmt er sich 23 Minuten.

Entspannungspolitik als Strategie im Dienste einer Vision der Freiheit

Zentrales Thema der FU-Rede ist die Überwindung des Status quo, der deutsche Teilung und Berliner Mauer brachte. Als Folge des atomaren Patts konnten USA und Sowjetunion es nicht wagen, militärisch gegeneinander vorzugehen. Weder beim Mauerbau noch bei der Kuba-Krise, als die Welt am Rande des Atomkriegs stand. Vor allem diese gerade zurückliegende Erfahrung hatte Kennedy zum Umdenken veranlasst – und zur Entspannungspolitik. Kurz vor dem Berlin-Besuch hatte er sie an der Universität Washington am 10. Juni 1963 erstmals öffentlich dargelegt. Als Zweck der neuen Politik hatte er dort ausschließlich die Erhaltung des Friedens betont.

16 Tage später in Berlin steckte er das Ziel weiter: Die neue Politik sollte über der Friedenssicherung hinaus langfristig der Beseitigung des kommunistischen Systems und so der Überwindung der Spaltung Europas dienen. Anders als vor dem Schöneberger Rathaus wird ein durchdachtes politisches Konzept sichtbar: Als Prinzip, das ihn leitet, feiert Kennedy die Freiheit – umfassend: als Menschenrecht für den Einzelnen, als Demokratie für die Gesellschaft, als Marktwirtschaft für die Ökonomie und als Selbstbestimmungsrecht für die Nationen.

Die Atomkriegsgefahr, die Unterdrückung im Ostblock und die Teilung definiert Kennedy als schmerzliche „Realität“. Doch andere „realities“ markiert er als langfristig wichtiger: den weltweit zunehmenden Drang nach Freiheit. Die Idee der nationalen Selbstbestimmung hält er für die stärkste Triebkraft überhaupt. Darum „wird die Wiedervereinigung, wie ich glaube, eines Tages Wirklichkeit sein.“

Politisches Ziel ist das in Freiheit vereinte Gesamteuropa als Rahmen für die Einheit Deutschlands. Die Eckpunkte der Entspannungspolitik: Abrüstung, Ausbau der Kommunikation zwischen West und Ost, Intensivierung des Ost-West-Handels, Einigkeit des Westens und – hier erstmals formuliert – Intensivierung der Strahlkraft westlicher Prosperität. Vorposten der Freiheit und Schaufenster – diese Rolle weist er West-Berlin dabei zu.

Egon Bahr sagte 19 Tage später, dass „das Vertrauen, dass unsere Welt die bessere ist, die sich durchsetzen wird.“ 1989 war es soweit.

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