Berlin : Kennedys Schwester und ihre Mission Zuversicht

Eunice Shriver war die Frau an der Seite des US-Präsidenten bei dessen legendärem Besuch 1963. Jetzt kehrte sie erstmals nach Berlin zurück

Elisabeth Binder

Sie war dabei, als ihr Bruder John F. Kennedy im Juni 1963 in einem einzigen großen Jubelzug durch Berlin fuhr. Zum ersten Mal seitdem kehrte Eunice Kennedy Shriver zurück. Aber die 83-Jährige ist nicht gekommen, um Erinnerungen an eine andere, längst vergangene Welt zu pflegen. Sie hat eine konkrete Mission, und die heißt „Best Buddies“.

Bei einem Frühstück, das Inga Griese, die Frau des Unterhaltungsunternehmers Peter Schwenkow, in ihrem Zehlendorfer Garten organisiert hat, wirbt die 83-Jährige für das Programm, das aus geistig behinderten und gesunden Kindern und Jugendlichen „beste Kumpel“ machen soll. Ihr dichtes graues Haar hält sie mit einer Spange zusammen, zum rosa Kleid mit passendem Jackett trägt sie eine Perlenkette. Das Gesicht mit den großen wachen Augen ist hinter vielen Falten, immer noch schön. Heute lebt die Schwiegermutter des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger in Washington. Die Behinderung ihrer älteren Schwester Rosemary gab früh den Ausschlag für ihr Engagement. Eunice Kennedy war es, die die Familie überredete, öffentlich darüber zu sprechen in einer Zeit, in der das überhaupt noch nicht üblich war. Sie war 1968 auch Mitbegründerin der Special Olympics für Behinderte. Seit Ende der Fünfzigerjahre arbeitet sie daran, die Lebensbedingungen für geistig Behinderte zu verbessern. Mitgebracht nach Berlin hat sie ihren vielfach ausgezeichneten jüngsten Sohn Anthony, der „Best Buddies“ 1989 gegründet hat. Heute steht er an der Spitze der Organisation, die inzwischen unter anderem in Australien, Canada, Ghana und den Niederlanden aktiv ist. Deutschland ist das 16. Land, in dem das Programm etabliert werden soll. Unter anderem steht eine Werkstatt der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung in Hellersdorf auf dem heutigen Besuchsprogramm. „Wir suchen zunächst Menschen, die sich für unsere Sache begeistern können und mithelfen, Strukturen zu schaffen“, sagt der smarte 39-Jährige. Best Buddies, so wie es Anthony Kennedy Shriver erklärt, funktioniert ganz einfach: Ein nicht behinderter Schüler kümmert sich um einen, „der weniger glücklich ist als er selber“, indem er ihn anruft, mit ins Kino oder in die Kneipe nimmt, ihm hilft, einen Job zu finden. Daraus ergeben sich nach seiner Erfahrung oft lange Freundschaften, die für beide Seiten sehr erfüllend sind. Auch E-Mail-Kontakte werden auf diese Weise vermittelt. „Ohne liebevolle Unterstützung, ohne Netzwerke und Arbeit, hätten wir alle ein Problem“, sagt Anthony Shriver Kennedy. Er selbst hat durch das Programm einige langjährige Freunde gefunden, die ihm viel bedeuten. Seine Mutter Eunice lauscht den Ausführungen sehr konzentriert, stellt manchmal Zwischenfragen, die anderen Gästen das Verständnis erleichtern könnten. Dann erzählt sie selber mit einem Lächeln, wie sie ihren Bruder, als er US-Präsident war, immer wieder genervt hat, damit er etwas für die geistig Behinderten tut. Heute ist es ihr Ziel, vor allem junge Leute zu der Einsicht zu bewegen, dass sie das Leben eines Mitmenschen entscheidend verbessern können und zu sagen: „Ja, ich will mich dafür einsetzen.“

Eunice Kennedy Shriver hat sich mit einem rosa Stift noch einmal die Lippen nachgezogen und redet engagiert wie eine erfahrene Wahlkämpferin, die sie ja auch immer war: „Unsere Kinder können das Land verändern.“ In der verbleibenden Zeit in Berlin hofft die einzige lebende Frau, deren Gesicht einmal eine US-Münze geschmückt hat, darauf, möglichst viele Mitstreiter zu finden.

Und was will sie sonst noch sehen? Das Rathaus Schöneberg, wo John F. Kennedy damals den berühmten Satz „Ich bin ein Berliner“ gesagt hat, steht schon auf ihrem Programm. Sie interessiert sich auch dafür, welche Häuser noch übrig sind aus der Zeit, als ihr Bruder, fünf Monate vor den tödlichen Schüssen von Dallas, seine legendäre Jubeltour durch die Stadt gemacht hat. „Gibt es noch Reste der Mauer?“, fragt sie. „Und kann man noch Stücke davon bekommen?“ Sie würde gern noch einmal zurückfahren zu dem Aussichtsstand am Potsdamer Platz, wo sie 1963 auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs geguckt haben. Was ist ihre stärkste Erinnerung an damals? „Der Geist der Hoffnung, der alles überstrahlte“, sagt sie. Heute gebe es den leider nicht mehr so, aber damals habe er sie tief beeindruckt. „Es waren doch schreckliche Zeiten, und trotzdem waren die Menschen so zuversichtlich.“

Mehr zum Thema im Internet unter

www.bestbuddies.org

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