KENNEDYS TAFELRUNDE : Das Dinner der Mächtigen

Man kann sagen, dass am 26. Juni 1963 das Bankett des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt zu Ehren von Kennedy eine begehrte Einladung bedeutete – auch schon, bevor der unbeschreibliche Jubel ausbrach, und der Mythos dieses Tages wuchs und wuchs. Der US-Präsident war damals ein Garant für das Überleben der Stadt, der wichtigste Mensch auf dem Planeten. Klar, dass sich um ihn die Wichtigen und Mächtigen scharen würden.

DIE REGELN

Die Rahmenbedingungen waren damals noch vergleichsweise locker. Mussten die Gäste fürs aktuelle Obama-Dinner die Anfahrt eine halbe Stunde vorher abgeschlossen haben, reichte es für die Gäste des Banketts zu Ehren seiner Exzellenz des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika Herrn John F. Kennedy, „bis 13.30 Uhr hinter ihren Plätzen an der Tafel Aufstellung zu nehmen“. Der Beginn war für 13.45 Uhr angesetzt. Damals ging es aber streng gesittet zu: „Zuspätkommenden kann kein Einlass gewährt werden.“

DIE GÄSTELISTE

Die Liste der Teilnehmer führte Günther Abendroth an, Bezirksbürgermeister von Kreuzberg, der noch nicht ahnen konnte, dass 24 Jahre später sein Bezirk wegen verschärfter Randale anlässlich eines US-Präsidenten-Besuchs vom Rest der Stadt einfach abgeriegelt werden würde. Gleich hinter ihm, wir sind noch beim Buchstaben A, steht Konrad Adenauer, der Kanzler. Dem folgen der Generalvikar des Bistums Berlin, Prälat Walter Adolph und Dr. Abbas Alamir, Botschafter der Kaiserlich-Iranischen Delegation. Seine Nachfolger konnten wegen Schurkenstaatentums später in Berlin kaum noch auf eine ähnliche Einladung hoffen. Andere durften mittafeln, von denen man später noch viel hören würde: der damalige Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Rainer Barzel, Bürgermeister Heinrich Albertz, Presseamtsleiter Egon Bahr, der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Walter Scheel, oder Georg Leber, damals Vorsitzender der IG Bau-Steine-Erden. Tagesspiegel-Chefredakteur Karl Silex saß ebenfalls in Kennedys Tafelrunde. Live dabei war auch einer, der heute ebenfalls Legende ist und schon wegen seiner langen Allee in Berlin unvergessen bleibt: General Lucius D. Clay. Natürlich saß auch Kennedys Chefberater und Vertrauter Ted Sorensen mit am Tisch. Zu dessen heiklen Aufgaben gehörte es, mit den Russen zu kommunizieren.

Lücken sind auch auf der Gästeliste. Rias-Direktor Bob Lochner stand jedenfalls nicht darauf. Dabei hatte er mit Kennedy den Satz „Ich bin ein Berliner“ phonetisch eingeübt. Seine Tochter Anita war immerhin dabei, als Obama vorm Brandenburger Tor sprach. Es gibt also vielleicht eine Art Gästelistengerechtigkeit, auch wenn sie Generationen braucht. Elisabeth Binder

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben