Berlin : Kennedys Triumph blieb unübertroffen

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Von Elisabeth Binder

Es war ein herrlicher Junitag, an dem vor fünfzehn Jahren eine Vision im Lärm der Krawalle fast unterging. Dabei war das Publikum vor der westlichen Seite des Brandenburger Tores handverlesen: die üblichen Amerikanophilen, die Honoratioren des alten West-Berlin, ergraute Frontstädter, Journalisten, eingeladen, um der Rede Ronald Reagans zu lauschen. Sie alle waren mit fein gedruckten Einladungskarten durch die weiträumigen Absperrungen gelangt, die Frauen in Pastell-Kostümen, die Männer in gedeckten Anzügen. Draußen in Kreuzberg brannte die Luft, die vom Lalülala der Polizeiwannen erfüllt war.

Als US-Präsident Reagan vorm Brandenburger Tor stand, und hinter einer schusssicheren Scheibe „Herr Gortbatschow, öffnen Sie dieses Tor“ rief und ein vehementes „Reißen Sie diese Mauer nieder“ hinterhersetzte, brandete Beifall auf. Aber eigentlich hatten die Zuhörer etwas anderes erwartet. Das Ritual verlangte nach den üblichen Solidaritätsbekundungen für die geteilte Stadt. Am Ende der Veranstaltung wurde jedem Besucher eine schriftliche Version des Manuskripts überreicht, doch viele zuckten mit den Schultern: „Schöne Rede, aber so utopisch.“ Sogar Amerikafreunde leisteten sich damals leichte Vorbehalte gegen Reagan, weil er mal Schauspieler war. „Das gibt in 50 Jahren nichts“, war man sich mehr oder weniger einig. Das Neue Deutschland und die sowjetische Nachrichtenagentur TASS betrachteten den Besuch gewohnheitsmäßig als Provokation und Verletzung des Viermächteabkommens.

Die Krawalle zum Besuch forderten 300 Verletzte, darunter 92 Polizisten, 242 Demonstranten wurden festgenommen. Bei schweren Krawallen rund um den Nollendorfplatz hatte es bereits beim ersten Reagan-Besuch, im Juni vor zwanzig Jahren, 272 Festnahmen und 87 Verletzte gegeben.

Amerikanische Präsidentenbesuche haben Berlin immer aufgewühlt, was an der exponierten Lage lag. Im Nachhinein fällt allerdings auf, dass sich gegen republikanische Präsidenten immer härtere Proteste richteten als gegen demokratische.

Den ersten Besuch eines amerikanischen Präsidenten in Berlin wird niemand, der dabei war, je vergessen. Auch ansonsten nüchterne Korrespondenten aus Washington und London bekannten, etwas Vergleichbares niemals zuvor erlebt zu haben. Die acht Stunden lange Triumphfahrt John F. Kennedys lockte am 26. Juni 1963 Millionen Menschen auf die Straße. Sie säumten die 53 Kilometer lange Strecke mit unbeschreiblichem Jubel, der seinen Höhepunkt bei der Rede vor dem Rathaus Schöneberg erreichte. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges war der US-Präsident ein großer Hoffnungsträger. DDR-Kader hatten damals das Brandenburger Tor mit roten Fahnen verhängt, um die Durchsicht zu verwehren.

Die Besuche amerikanischer Präsidenten in der Stadt gaben immer eine Markierung für den Punkt, an dem Berlin sich im Strudel der Weltgeschichte gerade befand. So ungetrübt und einhellig jubelnd wie beim Kennedy-Besuch, bei dem alle drei im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien die Berliner aufgerufen hatten, dem amerikanischen Präsidenten einen „ebenso würdigen wie herzlichen Empfang zu bereiten“, war die Stimmung nie wieder. Als der Republikaner Richard Nixon 1969 nach Berlin kam, reichte es zwar noch für den „bisher herzlichsten Empfang während seiner Europa-Reise“, wie der Tagesspiegel vermerkte. Aber auch der ging nicht ohne Demonstrationen ab. Auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs verbrannten Demonstranten Nixon-Bilder und bewarfen die präsidiale Kolonne mit Farbbeuteln. Auch Steine flogen; es gab 26 Festnahmen.

Friedlicher ging es 1978 zu, als der Demokrat Jimmy Carter die Stadt besuchte. Einige tausend Menschen applaudierten an der Fahrstrecke. Für seine Versicherung „Was immer sei - Berlin bleibt frei“ erntete Carter dankbaren Beifall auf dem Platz der Luftbrücke.

Vier Jahre später erhielt auch der Republikaner Ronald Reagan Beifall von den Gästen im Garten des Schlosses Charlottenburg, als er die unverrückbare Verpflichtung der USA für die Freiheit West-Berlins mit den Worten unterstrich: „Unsere Freiheit ist unteilbar“. Aber bereits im Vorfeld seines Besuchs waren mehrere zehntausend Menschen den Aufrufen von immerhin 190 Organisationen gefolgt und hatten demonstriert. Kein Wunder, dass fünf Jahre später die Krawalle und die Gegenmaßnahmen des damaligen Innensenators Wilhelm Kewenig fast mehr Beachtung fanden als Präsident Ronald Reagan selbst und auch heftiger diskutiert wurden als der Inhalt seiner Rede, die sich aus heutiger Sicht das Adjektiv „historisch“ ja nun redlich verdient hat. An der Mauer und den Barrikaden rund um den Kreuzberger Kessel prallten die Visionen ab. Abgesehen von dem Platz vor dem Brandenburger Tor, wo feierliche Sonntagsstimmung herrschte, war die Hölle los.

Stundenlang war der U-Bahn-Verkehr nach Kreuzberg unterbrochen, um Krawalle zu unterbinden hatten die Behörden den Stadtteil völlig abgeriegelt. Der Präsident selbst bekam von all dem nicht viel mit und besuchte auf dem Flughafen Tempelhof noch eine Geburtstagsparty zum 750sten Jubiläum der Stadt. Nur drei Jahre später kam er noch einmal zurück, als Privatmann, um sich auf dem Potsdamer Platz selbst ein Stück von den Mauer abzuschlagen; aber da mobilisierte er nur noch kleinere Gruppen von Schaulustigen und natürlich Journalisten.

Das Ende des Kalten Krieges absolut hollywoodreif zu inszenieren und zu zelebrieren, blieb dem Demokraten Bill Clinton vorbehalten. Zusammen mit Frau Hillary und dem damaligen Bundeskanzler und seiner Frau, ging er zu den Klängen eines Prozessionsmarsches bei strahlendem Sonnenschein im Juli 1994 als erster amerikanischer Präsident durchs Brandenburger Tor. Aus den vielen „Berlin bleibt frei“-Versicherungen seiner Vorgänger war ein glückliches „Berlin ist frei“ geworden: „Bürger Berlins“, rief er in seiner optimistischen „Alles-ist-möglich“-Rede, „Sie haben Ihren Kampf gewonnen.“ Die Stimmung während dieses Besuchs war entspannt, junge Leute schwenkten Fähnchen, und die üblichen Demonstranten blieben zu Hause. Bei seinem Abschiedsbesuch als amerikanischer Präsident im Juni 2000 wagte sich Bill Clinton sogar auf einen als spontan inszenierten Restaurantbesuch nach Prenzlauer Berg, jenem Bezirk, der nicht nur in der Erbfolge der Randale-Bezirke ganz oben steht, sondern zu Zeiten der Präsidentschaft Ronald Reagans aus dessen Sicht auch noch im „Reich des Bösen“ lag. Aber Bill Clinton war nicht der Typ, um Demonstrationen herauszufordern.Bei dem Republikaner George W. Bush sieht das anders aus.

Ganz unabhängig von Weltlage, Herkunft und Demonstrationsfrequenz scheint die Berliner eine Vorliebe für die Demokraten zu einen. Als bei der letzten Wahlparty im Amerika Haus eine Spielwahl unter den Gästen gehalten wurde, siegte Al Gore haushoch. Georg W. Bush landete weit abgeschlagen noch hinter Ralph Nader. Wenn jetzt gegen ihn demonstriert wird, ist die Situation trotzdem ganz anders als bei Reagan und Nixon. Damals waren amerianische Präsidenten so etwas wie Verwandtschaft. Aber der Kalte Krieg ist längst vergangen, kulturelle Unterschiede treten deutlicher zutage.

1963 hätte sich gewiss niemand vorstellen können, dass in Berlin Mitglieder einer Regierung irgendwann auch nur erwägen könnten, gegen einen US-Präsidenten zu demonstrieren. Und 1987 war der reale Gedanke, die Mauer könne niedergerissen werden, so weit weg wie der Mond. Kann ja sein, dass auch dieser Besuch Unvorstellbarkeiten mit sich bringt. Und dass die alteingesessenen Krawall-Veteranen, ihre Nachfahren und ihre arrivierten Unterstützer keine Mühe scheuen werden, mit viel Krach von der eigentlichen Substanz abzulenken.

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