• Kennzeichen CD - Die Welt in Berlin (10): Einmal rund um die Welt und dann wieder schnurstracks nach Berlin

Berlin : Kennzeichen CD - Die Welt in Berlin (10): Einmal rund um die Welt und dann wieder schnurstracks nach Berlin

Lars von Törne

Immer, wenn Marie Bernard-Meunier offizielle Gäste aus Kanada hat, fährt sie mit ihnen in die Niederkirchnerstraße. Hier, an der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West, kann die Botschafterin ihren Besuchern am besten erklären, was das Besondere an Deutschland ist, dem sie sich seit mehr als 30 Jahren persönlich verbunden fühlt. Mit dem Rücken zum Martin-Gropius-Bau stehend, zeigt sie dann nach links zum Abgeordnetenhaus und spricht vom bundesdeutschen Föderalismus und der preußischen Vergangenheit. Der ehemalige Mauerstreifen davor steht für die Nachkriegsgeschichte. Dann führt sie die Besucher nach rechts zur Gedenkstätte Topographie des Terrors, die für sie "ein gelungener Umgang mit der nationalsozialistischen Geschichte" ist. Und dann zeigt sie auf das dahinter aufragende massive Gebäude des Bundesfinanzministeriums, um zu illustrieren, "welches Gewicht die Wirtschaft in Deutschland hat." Nach dem Besuch verstehen die Besucher ein wenig besser, was es mit diesem Land auf sich hat.

Als Marie Bernard-Meunier zum ersten Mal nach Berlin kam, stand an der Niederkirchnerstraße noch die Mauer. 1970 wollte die Studentin ein halbes Jahr lang durch Europa reisen. Eine Stippvisite in Berlin warf ihre Pläne über den Haufen: "Ich war so fasziniert von dieser lebendigen, eigenartigen Stadt, dass ich die ganzen sechs Monate hier verbrachte", erzählt die gebürtige Quebecerin mit französischem Akzent. Für ihren Studienabschluss musste sie zurück nach Kanada, die Faszination für Deutschland aber blieb: Thema ihrer Abschlussarbeit war die Ostpolitik Willy Brandts.

Nach einer diplomatischen Vorzeige-Karriere, die sie unter anderem nach Wien, Paris, New York, Ottawa und Den Haag brachte, kehrte die heute 53-jährige Bernard-Meunier im vergangenen Oktober nach Berlin zurück. Und findet die Stadt ebenso aufregend wie vor 30 Jahren. "Hier ist alles im Fluss", sagt sie. Ihr gefällt "diese Freiheit der Menschen, diese Einstellung, dass alles möglich ist." Berlin sei "ein Ort mit Geschichte, an dem trotzdem die Zukunft wichtiger ist als die Vergangenheit". Mit ihrem Mann und dem 14-jährigen Sohn wohnt sie in Dahlem. Dienstlich residiert sie im Handelszentrum an der Friedrichstraße. Ein Provisorium: Für diesen Herbst ist der erste Spatenstich der neuen Kanadischen Botschaft am Leipziger Platz geplant, 2004 soll sie eröffnet werden.

Von ihrem jetzigen Büro im 23. Stock des Handelszentrums aus hat die Botschafterin eine spektakuläre Aussicht über die Innenstadt samt Reichstag und Bundesbaustelle bis hin zum Teufelsberg. Allzu oft kann sie den Blick aber nicht genießen. Die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Kanada lassen sich nicht vom Schreibtisch aus pflegen, sagt sie. Der Arbeitsalltag der Botschafterin besteht zum großen Teil aus Außenterminen, viele davon quer über das Land verteilt: "Man kann sich nicht um Deutschland kümmern, indem man nur in Berlin sitzt."

Ebenso wichtig wie die Gesprächspartner in der Hauptstadt seien wirtschaftliche und politische Kontakte nach München oder Stuttgart, nach Dresden oder Magdeburg. Mindestens einen Tag pro Woche verbringt die Botschafterin in anderen Bundesländern. Sie spricht auf Empfängen, trifft sich mit Unternehmern und Landespolitikern. Auch betreut sie Besucher aus Kanada, wie zum Beispiel eine Gruppe von Regionalpolitikern, die sich in der kommenden Woche in Berlin, Hamburg und Dresden die Arbeit ihrer deutschen Berufskollegen anschauen wollen. Und sie besucht die wachsende Zahl der Betriebe mit kanadischen Investoren, beispielsweise den Aluminiumverarbeiter Alcan, den Telekom-Ausrüster Nortel oder den Bombardier-Konzern, der kürzlich auch den Berliner Waggonbauer Adtranz übernommen hat.

Jeden Abend schickt die Botschafterin der kanadischen Regierung in Ottawa ihren Tagesbericht per E-Mail. Die politische Rolle Kanadas sieht Bernard-Meunier auch als transatlantischer Vermittler zwischen Europa und Nordamerika. Die Zeiten, in denen die Beziehungen zwischen den beiden unumstößlich gut waren, sind vorbei, sagt sie. "Jetzt müssen wir uns mehr Mühe geben." Eine Rolle, für die Kanada gute Voraussetzungen mitbringe, weil viele seiner Bewohner von beiden Kulturen geprägt sind: "Wir sind europäischer als die Amerikaner und amerikanischer als die Europäer."

Auch sei es für das föderalistisch aufgebaute Kanada interessant zu sehen, wie die Bundesrepublik mit politischen Herausforderungen umgehe: Vom Länderfinanzausgleich über den Umgang mit Flüchtlingen bis zu den Folgen der europäischen Integration für die Bundesländer. Und nicht zuletzt verbinde beide Länder eine historische Wurzel: "Jeder zehnte Kanadier hat deutsche Vorfahren."

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