• Kennzeichen CD - Die Welt in Berlin (Teil 3): Woher Borschtsch und Wareniki wirklich stammen

Berlin : Kennzeichen CD - Die Welt in Berlin (Teil 3): Woher Borschtsch und Wareniki wirklich stammen

Andreas Exler

Eigentlich müsste es Viktor Bondartschuk freuen, dass fast jeder Berliner schon einmal Borschtsch oder Wareniki gegessen hat. Doch für den Vorsitzenden der Berliner "Vereinigung der Ukrainer in Deutschland" ist dies nur ein weiterer Beweis des traurigen Schicksals seiner Heimat. Denn Borschtsch und Wareniki sind ukrainische Nationalgerichte, aber in aller Welt gelten sie als russische Spezialitäten.

Die ukrainische Gemeinde in Berlin entstand während des Ersten Weltkriegs. Gegründet haben sie politische Emigranten, die sich den russischen Expansionsgelüsten widersetzten. Im November 1917 schien es, als hätten sie ihr Ziel erreicht: In Kiew wurde die Republik ausgerufen. Die Freude dauerte nicht lange. Schon 1921 annektierten die Bolschewiken den jungen Staat, 1939 verleibte sich Stalin auch den polnischen Westteil der Ukraine ein. Jedes Vorrücken Russlands brachte neue Emigranten nach Berlin, und so ist auch zehn Jahre nach dem Zerfall des sowjetischen Imperiums die Legende des Unabhängigkeitskampfs das beherrschende Thema der Botschaftsgemeinde.

Man versammelt sich zum Beispiel anlässlich des Geburtstags des Dichters Taras Schewtschenko, dessen Statue jeden ukrainischen Dorfplatz ziert. Er war im zaristischen Russland nach Kasachstan verbannt worden, weil er Gedichte über die Unterdrückung der Ukrainer durch die Russen geschrieben hatte. Ein großer Saal der neuen Botschaft unweit des Deutschen Theaters ist festlich geschmückt, Kinder in Trachtenblusen tragen Volkslieder vor. Mit dem Pathos einer von Funktionären gelenkten Kultur wird aus dem Werk des Nationalhelden zitiert. Dann springt unvermittelt die kleine Versammlung geschlossen von den Stühlen hoch: Die Botschaftsräte haben begonnen, die Nationalhymne anzustimmen: "Noch ist die Ukraine nicht gestorben".

Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt... In Berlin leben nach Botschaftsangaben 25 000 Menschen ukrainischer Herkunft. Die wenigsten fühlen sich allerdings der Kultur der politischen Emigranten verbunden. Vor allem Deutschstämmige und Juden sind seit der Abspaltung der Ukraine von Russland 1991 ausgereist. Andere Ukrainer leben seit Jahrzehnten in Berlin als Ehepartner von ehemaligen DDR-Ingenieuren. Sie waren oft überzeugte Sozialisten - und halten die Wiedergeburt der Nationalismen eher für ein Unglück. Selbst in der Ukraine wird mehr Russisch als Ukrainisch gesprochen. Unter den 50 Millionen Einwohnern des Landes macht allein die russische Minderheit 12 Millionen aus. So ist die ukrainische Gemeinde in Berlin eine der letzten Bastionen eines Patriotismus, dessen Wurzeln bald nur noch Historiker verstehen werden.

Die derzeitige Botschaftsrätin für Kultur, Larysa Khoroletz, war die erste Frau, die nach der Abspaltung von Russland einen Ministerposten bekam. Von 1991 bis 1993 war die Schauspielerin und Theaterautorin Kulturministerin in Kiew. "In der Ukraine ist so etwas nicht selbstverständlich", erklärt Khoroletz. An die Sowjetunion erinnert sie sich eigentlich gerne. "Von den Russen habe ich nur Gutes bekommen." Zum Beispiel den Preis für zeitgenössische Dramaturgie, den die damals 26-Jährige 1977 erhielt und mit dem ihre Karriere als Schriftstellerin begann. "Ich habe nur unpolitische Stücke geschrieben", beeilt sich die Botschaftsrätin zu versichern. Obwohl sie sich mit den Machthabern arrangierte, fühlte sich Khoroletz schon als Mädchen der ukrainischen Kultur verbunden.

Ihr Vater war Lehrer für ukrainische Literatur. Die Tochter bekam als Schülerin viele Goldmedaillen für besondere Leistungen und durfte schon als Achtjährige in einem Fernsehfilm mitspielen. "Trotzdem war ich gegen den Kommunismus und vor allem gegen den Homo sowjeticus, den Menschen, der seine Wurzeln nicht kennt." Seit die Russen das Land verlassen haben, geht es den meisten Ukrainern zwar nicht besser. Aber Larysa Khoroletz hat ihr Ziel erreicht: "Als Botschaftsrätin für Kultur trage ich dazu bei, die ukrainischen Traditionen zu erhalten."

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