Berlin : Kennzeichen CD - Die Welt in Berlin (Teil 5): Polen: Der Mann fürs bessere Image

Andrea Exler

Wenn es um die Wurst geht, ist Slawomir Tryc Patriot. "Sehen Sie nur diese herrliche Blutwurst mit Graupen, die wir in Polen Krupniok nennen", schwärmt Tryc und tunkt die Fleischware in einen Klecks original polnischen Senf. "Kein Vergleich mit den faden Würsten, die in Deutschland verkauft werden." Tryc ist seit vier Jahren Direktor des Polnischen Kulturinstituts in Berlin.

"Das Polen-Bild der Deutschen muss dringend entstaubt werden", sagt der 48-jährige Germanistik-Professor, während er die Reste der Blutwurst verspeist. "Ob es um Lebensmittel geht oder um Kultur: Die Deutschen haben sich noch nicht von dem Vorurteil des rückständigen Polen verabschiedet."

In Berlin leben etwa 130 000 Menschen polnischer Herkunft, von denen allerdings nur 30 000 einen polnischen Pass haben. Tryc erinnert sich noch genau an seine Ankunft in Berlin im Dezember 1996. Die Hauptstadt wirkte damals auf ihn alles andere als westlich; er fand die Behörden ebenso ineffizient und die Architektur genauso sozialistisch wie in Warschau. "Ich hatte den Eindruck, Berlin sei von Osteuropa und nicht vom Westen annektiert worden", sagt Tryc. Wie viele seiner Landsleute will er die sozialistische Vergangenheit so schnell wie möglich zu den Akten legen. Relikte dieser Epoche wie etwa die Architektur am Alexanderplatz sind ihm ein Gräuel. "Wie konnten die Deutschen diese Scheußlichkeit unter Denkmalschutz stellen?"

"Dass Polen nur 80 Kilometer von Berlin entfernt liegt, ist den meisten Berlinern noch nicht aufgefallen", klagt Tryc, der von einer "Blockade in den Köpfen" spricht. Slawomir Tryc betreibt deshalb einen beispiellosen Kultur-Aktivismus, um sein Land in der Mitte Berlins ins Blickfeld zu rücken. Sein Institut organisiert 150 Veranstaltungen im Jahr, so viele wie kein anderes der 18 ausländischen Kulturinstitute in Berlin. Das Haus in der Karl-Liebknecht-Straße ist mit elf Mitarbeitern auf einer Fläche von 2200 Quadratmetern das größte polnische Kulturinstitut weltweit - und ein wichtiges Instrument der polnischen Diplomatie.

Seit 1998 veranstaltet das Institut einmal im Jahr eine polnische Woche. Der Zustrom der Deutschen blieb bislang jedoch überschaubar. "Kein Wunder, dass die Medien immer noch Zerrbilder des Nachbarlandes zeichnen", ereifert sich Tryc. Viele Bundesbürger hielten die Polen bestenfalls für potenzielle Schwarzarbeiter, schlimmstenfalls für Kleinkriminelle. Dieses Negativimage bekam auch die heute 20-jährige Tochter des Institutsdirektors zu spüren. Mit ihrem osteuropäischen Akzent wurde sie in der Schule oft verspottet. "Die Kinder von britischen oder französischen Diplomaten werden anders behandelt. Uns hält man für Europäer zweiter Klasse", sagt Tryc.

Obgleich viele Polen in Berlin Arbeit suchen, steht Tryc der Zuwanderung skeptisch gegenüber. "Ich möchte in Warschau keine Invasion von 200 000 Ausländern erleben." Er hat Verständnis für die Debatte um eine "deutsche Leitkultur": "Multikulturalismus kann nicht funktionieren. Fremde müssen sich anpassen."

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