Berlin : Kennzeichen CD - Die Welt in Berlin (Teil 5): Polen: Wurst ist Wohlstand

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Es war die Einführung der Marktwirtschaft, die sie gen Westen trieb: Als 1989 die Lebensmittelversorgung im ländlichen Polen zusammenbrach, packte das Ehepaar Klon die Koffer und setzte sich in den Zug von Kattowitz nach Berlin. "Es war keine leichte Entscheidung", sagt Marianna Klon, die 35 Jahre alt war und kaum Deutsch sprach, als sie mit ihrem Mann Andrzej und zwei kleinen Kindern nach Deutschland aufbrach. "Aber wir hatten keine Wahl, denn wir konnten unsere Kinder nicht mehr ernähren." In Polen wurden Lebensmittelkarten verteilt, doch nur wer Beziehungen hatte, konnte eine Familie ernähren. Die Klons hatten keine.

Auch elf Jahre später spielen Lebensmittel eine wichtige Rolle im Leben des Ehepaars. Sie betreiben in der Pestalozzistraße 17 in Charlottenburg das einzige polnische Spezialitätengeschäft in Berlin. Wie der Leiter des polnischen Kuturinstituts Slawomir Tryc, der hier regelmäßig einkauft, sind die meisten Kunden Polen. Die dominierende Ware in dem kleinen Laden sind Würste. Hergestellt werden sie von einem polnischen Metzger in Hannover. Polnische Krakauer, Schlesische Knoblauchwurst, Geflügelwurst nach Warschauer Art: Symbole des Wohlstands und Erinnerungen an eine Heimat, die trotz der offiziellen Diplomatensprache auch im Jahr 2001 noch nicht so westlich ist, wie es die Menschen gehofft hatten, als der Sozialismus von der Weltbühne verschwand.

Die Klons bringen aber nicht nur russische Eier und polnisches Gebäck unter die polnischstämmige Bevölkerung Berlins. Einmal im Monat geben sie die Zeitschrift "Kontakty" heraus, in der Polen jede denkbare Dienstleistung anbieten.

Zwischen den Inseraten haben auch redaktionelle Beiträge der Klons Platz. Sie handeln von allem, was die polnische Gemeinschaft interessiert: Religion, Ausländerbehörden, die Verhandlungen zum EU-Beitritt. 15 000 Exemplare der "Kontakty" nehmen polnischstämmige Berliner im Monat mit, wenn sie bei Familie Klon Sauerkraut oder eine Warschauer Zeitung kaufen.

Auf eines ist Marianna Klon dabei besonders stolz: "Unsere Zeitschrift ist die einzige in polnischer Sprache, die in der deutschen Hauptstadt herausgegeben wird."

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