Berlin : Kennzeichen CD - Die Welt in Berlin (Teil 7): Die Symbole der Offenheit

Andrea Exler

Im Berlin der Zwanziger Jahre waren die ausländischen Vertretungen Agenturen der Macht. Sie wirkten im Verborgenen und suchten die Nähe zu den Zentren von Politik und Wirtschaft. Heute präsentieren sich viele von ihnen als kleine Museen, die zum Rundgang durch die Kulturen fremder Länder einladen. Zwischen den Botschaften herrscht mittlerweile ein regelrechter Wettbewerb. Wer will, kann jeden Tag irgendwo eine Vernissage, einen Vortrag oder eine Architekturführung besuchen.

In Sachen Kulturvermittlung gehört Schwedens Botschafter Mats Hellström zu den aktivsten seiner Spezies. Von der Eröffnung einer Ausstellung junger schwedischer Künstler im Gemeinschaftshaus der Nordischen Botschaften eilt er zu seiner Residenz, um mit deutschen Studenten über schwedisches Design zu plaudern. "Ein Botschafter zum Anfassen", staunt Lehramtsstudent Lars Schmidt. Hellström lacht: "Bei uns sind die Türen offen. Das verlangt das skandinavische Prinzip der Transparenz."

Dabei ist Hellström in Stockholm ein bedeutender Mann. Bevor er 1996 als Botschafter nach Bonn kam, war er Außenhandelsminister und eines der prominentesten Regierungsmitglieder. Den Diplomatenposten in Deutschland empfand der 59 Jahre alte Berufspolitiker als Herausforderung. "In Berlin steht heute nach Washington die zweitgrößte Botschaft Schwedens."

In Theatern, Galerien oder auf Buchmessen ist Hellström regelmäßiger Gast. "Schließlich muss ich wissen, ob schwedische Künstler in Deutschland präsent sind." Auf der Leipziger Buchmesse wurde er dieses Jahr fündig. "Ich erlebe eine Renaissance der schwedischen Literatur in Deutschland", schwärmt Hellström. Die Begeisterung ist so groß, dass er sogar Peter Hoeg zu den schwedischen Talenten zählt - aber der ist Däne. Ein diplomatischer Fauxpas. "Wir sollten uns darauf einigen, dass es eine Renaissance der skandinavischen Literatur gibt", sagt Ehefrau Elisabeth und zupft ihren Gatten am Ärmel. Bei offiziellen Auftritten steht sie ihm fachkundig zur Seite. Seit ihrem Studienabschluss in Wirtschaft und Sprachen ist sie für das Außenministerium in Stockholm tätig, derzeit in der Abteilung für die Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen: "In der Botschaft habe ich dafür ein eigenes Büro."

Die wenigsten Botschafterfrauen sind berufstätig. Über die Beziehungen zwischen den skandinavischen Ländern und nationale Empfindlichkeiten weiß Elisabeth Hellström Bescheid. Die Dänen, Finnen und Norweger werfen dem großen Schweden manchmal Paternalismus vor, vielleicht nicht ganz zu Unrecht. "Aber in Berlin funktioniert die Zusammenarbeit prächtig", versichert Hellström. Fünf Staaten teilen sich das Gelände der Nordischen Botschaften in Tiergarten: Schweden, Dänemark, Norwegen, Finnland und Island. Von seinem Büro blickt Hellström durch eine Glasfront direkt auf den Schreibtisch des norwegischen Botschafters. Der erledigt seine Amtsgeschäfte im gleichen Stockwerk gegenüber. Die Außenfassade der schwedischen Botschaft, die zur Klingelhöferstraße hinausgeht, besteht aus überdimensionalen Jalousien, die sich genau auf der Höhe der Kaffeeküche öffnen. "Wenn ich hier meinen Kaffee trinke, sehen mir die Berliner, die unten vorbeigehen, dabei zu", erklärt Stig Berglind, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Botschaft. Die vielen Symbole und Gesten der Offenheit werden mit Stolz präsentiert. "Wir wollen nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen fördern, sondern Schweden als Idee in Deutschland bekannt machen", erklärt Berglind. In Berlin fällt das den Schweden offenbar besonders leicht. "Die Diplomatie ist hier viel weniger diplomatisch als in London oder Paris", sagt Hellström. "Es gibt noch keine eingespielte Routine."

Mats Hellström empfängt deutsche Politiker oft informell in seiner Residenz in Dahlem. Für solche Anlässe stehen drei Räume im Ergeschoss zur Verfügung, das schwedische Designer nach den skandinavischen Regeln von Schlichtheit und Eleganz gestalteten. Auch einen Butler und einen Koch hat die Stockholmer Regierung entsandt, damit Hellström die deutschen Gäste mit schwedischen Spezialitäten verköstigen kann. "In unserem privaten Haushalt haben wir aber kein Personal", sagt Elisabeth Hellström. Die Wohnung befindet sich im zweiten Stock.

Im Unterschied zu den Empfangsräumen mit den kostbaren Designermöbeln hat das Ehepaar seine Privatwohnung selbst eingerichtet. Bei Hellströms ist es hell und gemütlich, am liebsten möchte man sich in den Korbsessel setzen und eines der vielen Bücher aufschlagen, die ordentlich aufgereiht in Ikea-Regalen stehen. Hellströms interessieren sich für deutsche Kultur. Der Bildband "Tucholskys Berlin" gehört zu den Lieblingsbüchern des Botschafters. Er handelt vom Berlin der Jahrhundertwende, und Hellström findet, dass heute wieder etwas vom Flair der Zwanziger Jahre zu spüren ist. "Derzeit entstehen Treffpunkte, die den Salons ähnlich sind. Dort werden neue Gedanken ausgetauscht und junge Talente entdeckt."

Im Sommer empfangen Hellströms im Garten der Residenz, der direkt ans Brücke-Museum grenzt. Er stammt von der Berliner Architektin Herta Hammerbacher und steht unter Denkmalschutz. "Der Garten entstand in den Dreißiger Jahren", erklärt Hellström. "Nein, in den Fünfziger Jahren", korrigiert seine Frau. Sie ist eine energische Gattin. Hausarbeit gehörte nie zu den Lieblingsbeschäftigungen der Mutter zweier erwachsener Kinder. Selbst als Hellström in Stockholm Regierungsmitglied war und seine Arbeitstage 18 Stunden dauerten, widmete sich seine Frau ihren Aufgaben im Außenministerium. "Wie das funktionierte? Na ja, es war bei uns ziemlich staubig."

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