Berlin : Kennzeichen CD - Die Welt in Berlin (Teil 9): Wettbewerb um die besten Köpfe

Andrea Exler

Als Tang Lunyi 1965 in Peking Vorlesungen über deutsche Literatur besuchte, diskutierten die Studenten vor allem über Lenin und Mao. "Wir waren damals fanatisch, wir dachten, eine perfekte Gesellschaft ließe sich im Handumdrehen schaffen", erinnert sich Tang, heute Diplomat der Volksrepu-blik und zuständig für Bildung an der chine-sischen Botschaft in Berlin. "Ich habe mich als 18-Jähriger für ein Germanistik-Studium entschieden, weil ich gehört hatte, dass Marx Deutscher war, und dass die DDR ein vorbildlicher sozialistischer Staat sei."

Tang war auf dem Land aufgewachsen. In der Schule hatte er nur Russisch als Fremdsprache gelernt. Über Deutschland wusste er so wenig wie ein Berliner Abiturient über Myanmar. Damals unterhielten die Bundesrepublik und China noch keine diplomatischen Beziehungen, und junge Chinesen, die im Ausland studieren wollten, durften nur in sozialistische Länder reisen. Seither hat sich viel verändert. Tang spricht fließend Deutsch, er hat mit Unterbrechungen elf Jahre in Deutschland gelebt. Auch die chinesischen Studenten sind nicht mehr die gleichen wie zur Zeit der Kulturrevolution. "Nur ein Drittel kehrt nach dem Studium an einer deutschen Hochschule nach China zurück."

In Berlin leben derzeit etwa 3500 Chinesen, davon sind 1600 Studenten und 400 Wissenschaftler. Insgesamt studieren und forschen 13 000 Chinesen in Deutschland. Die hiesigen Universitäten sind bei chinesischen Studenten beliebt, denn anders als in Nordamerika oder in Großbritannien verlangen sie keine Studiengebühren. Für den Lebensunterhalt der Studenten kommen zum Teil deutsche Stiftungen auf. Anderen gewährt die Regierung in Peking Stipendien von bis zu 1300 Mark monatlich.

"China investiert viel in die Ausbildung dieser Akademiker, und da ist es natürlich bitter, wenn ihre Qualifikation dem Land verloren geht", sagt Dayuan Jiang, Professor für Pädagogik und Leiter des Chinesischen Servicezentrums für Akademiker-Austausch in Charlottenburg. Das Servicezentrum ist eine Art Außenstelle der Bildungsabteilung der Botschaft. Es wurde 1992 gegründet, damit die Akademiker Verbindungen mit ihrer Heimat aufrecht erhalten. "Wir müssen uns einiges einfallen lassen, damit sie zurückkehren", berichtet Jiang. So lädt er chinesische Studenten aus ganz Deutschland nach Berlin ein, um sie mit Delegationen von Unternehmen aus Peking oder Shanghai in Kontakt zu bringen. "Es herrscht ein regelrechter Wettbewerb um die besten Köpfe: Die chinesischen Delegationen bieten hohe Gehälter und attraktive Posten", sagt Tang.

Etwa 90 Prozent der Chinesen wählen technische und naturwissenschaftliche Fächer, viele von ihnen promovieren. "Chinesische Fachleute werden seit Jahren von deutschen Firmen abgeworben", sagt Tang. Manche von ihnen haben sich für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden. "Dann müssen sie aber ihr Stipendium an die chinesische Regierung zurückzahlen."

So zum Beispiel Lu Tian, die 1984 herkam. Sie studierte Elektrotechnik und promovierte anschließend in Informatik. Heute arbeitet sie als Abteilungsleiterin in einem großen deutschen Industrieunternehmen und wurde 1997 eingebürgert. "Meinen Antrag haben die Behörden in wenigen Wochen bearbeitet", sagt Tian. Auch ihr chinesischer Ehemann und der zwölf Jahre alte Sohn sind heute Deutsche. "Hier wird Leistung belohnt, in China dagegen zählen vor allem Beziehungen", sagt die Managerin. "Außerdem habe ich mich daran gewöhnt, offen meine Meinung zu sagen. In China hätte ich damit Probleme."

Tang erlebte aber auch abweisende Reaktionen. Der Diplomat und Germanist, der in Peking eine Professur für Sprachwissenschaft hat, forschte vor einigen Jahren in Trier. Ein deutscher Kollege sagte ihm unverblümt: "Deutschland ist kein Einwanderungsland. Warum sind Sie nicht in China geblieben?" Das stolze Reich der Mitte gilt vielen nur als großes Entwicklungsland - und seine Bürger als potenzielle Wirtschaftsflüchtlinge. So wurde dem Diplomaten und Hochschullehrer unterstellt, sein Forschungsaufenthalt sei nur ein Vorwand, um in Deutschland Arbeit zu suchen. "Der dachte, ich will hier Mülltonnen ausleeren."

In Berlin wird Tang oft auf die Menschenrechtslage in China angesprochen. Da winkt der Diplomat allerdings ab. "Auch in Deutschland werden die Rechte mancher Bürger nicht geachtet: Nach dem Mauerfall sind die ehemaligen Offiziere der DDR-Volksarmee arbeitslos geworden. Das ist eine Menschenrechtsverletzung." Tang ist überzeugt, dass eine gesicherte Existenz das wichtigste Recht ist. Und gerade in seinem Fachgebiet, dem Bildungswesen, habe China doch große Fortschritte gemacht. "Als die Kommunisten 1949 an die Macht kamen, waren 80 Prozent der Chinesen Analphabeten. Heute sind es nur noch 20 Prozent."

Die Konkurrenz verschiedener Parteien hält er im Augenblick nicht für angezeigt. "Zuerst müssen die Chinesen aufgeklärt werden. Sonst können sie nicht wissen, welche Politik für sie am besten ist."

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