Berlin : Kent Nagano dirigiert Mahlers Dritte beim DSO

Uwe Friedrich

Soll man der vermeintlichen Naivität in Mahlers Symphonien nun glauben oder tut sich hinter jedem Ländler gleich ein Abgrund von Metaphysik auf? Wollte der Komponist uns in seiner dritten Symphonie mit Liedern aus "Des Knaben Wunderhorn" auf die Reise in eine Kindheit nehmen oder beklagt er vielmehr das "Weh spricht: Vergeh!", wie nicht nur Mahler von Nietzsche weiß. Ein Dirigent sollte sich da entscheiden. Das Riesenwerk einfach nur unsentimental abzubilden, wie es Kent Nagano mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie tat, reicht jedenfalls nicht aus.

"Kräftig" hebt der erste Satz zwar an, und Nagano wird im Laufe des Abends das Orchester immer wieder zu erstaunlicher Lautstärke animieren, aber "entschieden", wie ebenfalls in der Partitur gefordert, ist das nicht. So kann das Werk keinen Sog entwickeln, denn obwohl das Orchester für seinen designierten Chef besonders konzentriert spielt, laufen die Orchestergruppen immer wieder ins Leere, wird Naganos Vision vom Stück unsichtbar, verlieren der zweite und dritte Satz ihre Doppelbödigkeit. Dagmar Peckovas luxuriöser Alt verströmt sich dagegen beinahe wie ein Instrument aus der Mitte der Musiker, mit dem Hannoveraner Knabenchor und den samtweich intonierenden Damen des Rundfunkchors Berlin gibt sie dem Orchester eine Anregung mit: Tatsächlich findet das DSO im letzten Satz zu einem "singenden" Ton, erhält der Geigenklang Glanz und Wärme. Nachdem die Musik in den vorhergehenden Sätzen vor allem aus der rhythmischen Präzision Naganos und dem bemerkenswert guten Orchesterspiel bestanden hat, wird so immerhin in Momenten spürbar, was Mahler gemeint haben könnte, als er sagte, in diesem letzten Satz sei alles aufgelöst in Ruhe und Sein.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben