Berlin : Kepler-Schule wehrt sich: „Wir sind kein Hort der Gewalt“

Aber viele Schüler waren Versager und erhalten nun besondere Hilfen

Fatina Keilani

Freitagmittag auf dem Gelände der Kepler- Schule in Neukölln. Die Schüler sind sauer. „Hier hat keiner Angst, zur Schule zu kommen“, sagen sie, und: „Wir kommen gerne hierher“. Die Hauptschule und ihr Direktor Wolfgang Lüdtke waren in den letzten Tagen in die Schlagzeilen geraten. Auf einem Foto sah man Lüdtke vor einer Tischplatte voller Pistolen und Messer, die an seiner Schule eingesammelt worden waren. In Zeitungsberichten war von zwei Fällen zu lesen, in denen Schlägerbanden auf dem Schulhof Schüler brutal verletzten. Schulsenator Klaus Böger bot daraufhin Polizeischutz an.

Auch die Lehrer sind sauer – und misstrauisch. „Ich habe das Gefühl, die Arbeit von zehn Jahren ist dahin“, sagt eine Lehrerin. Binnen eines Tages seien fünf Kinder von der Schule genommen worden. Fünf Pädagogen ringen sich schließlich zum Reden durch, vier Frauen und ein Mann. Namentlich genannt werden will keiner. „Ich habe in 25 Jahren an dieser Schule keine Waffe gesehen“, sagt eine Lehrerin. Zwei Kolleginnen, die seit vier und zwei Jahren da sind, nicken.

Dass es Probleme gibt, auch mit Gewalt, leugnet keiner. „Das sind aber meist Leute, die von außen kommen“, sagen die Lehrer. Es sei früher eher schlimmer gewesen als heute. Als Handys noch nicht verboten waren, seien häufiger mal „große Brüder“ zu Schlägereien angerückt. Heute werde an der Schule viel getan, um Gewalt zu verhindern. Nicht nur sind Waffen und Handys verboten. Auch vier ausgebildete Streitschlichter sind da, zwei Lehrer und zwei Schüler. Und einmal im Jahr kommen die Präventionstrainer von der Polizei. Über all das redet bloß derzeit keiner. An der Schule gibt es außerdem zwei Firmen, die von Zehntklässlern betrieben werden, einen Fotobetrieb und einen Partyservice. Acht- und Neuntklässler versorgen ihre Mitschüler täglich mit Frühstück.

Der umliegende Kiez ist ein sozialer Brennpunkt. „Unsere Schüler sind eine Negativ-Auslese“, sagt der Lehrer, und eine Kollegin ergänzt: „Jeder hier ist ein Fall.“ Damit sei aber nicht Gewalt gemeint. Viele hätten sich bis zur 7. Klasse nur als Versager kennen gelernt. In der Grundschule waren sie stets die schlechtesten. Ein guter Teil der Arbeit liege darin, den Schülern Erfolgserlebnisse zu verschaffen, um sie zu stärken und aufzurichten.

„Naiv“ sei er gewesen, ärgert sich Lüdtke. Die auf dem Tisch ausgebreiteten Waffen seien im Verlauf der letzten zehn bis 15 Jahre zusammengekommen, das sei in den Berichten verschwiegen worden. Er habe darüber reden wollen, was die Schule in Sachen Gewaltprävention unternehme. Gegen Lüdtke läuft derzeit ein Disziplinarverfahren wegen seiner Vorgehensweise.

„Die Waffen kann Herr Lüdtke nicht einfach in einen Schrank sperren“, sagte Thomas John, Sprecher der Schulverwaltung. „Die hätte er bei der Polizei abgeben müssen. Und den Überfall auf den Jungen hätte die Schule melden sollen.“ Damals, Anfang Juni, war ein Schüler vor dem Schulgelände übel verprügelt worden. Er lag tagelang im Krankenhaus. Lüdtke hatte den Vorfall nicht gemeldet, weil er nicht auf dem Schulgelände stattfand.

Die Mutter des Jungen hatte sich dann an die „B.Z.“ gewandt, und so kam die Kepler-Schule in den Ruf, ein Hort der Gewalt zu sein – was sie nun entschieden dementiert. Dass es mehr Fälle von Gewalt gebe als anderswo, kann die Schulverwaltung nicht bestätigen. Im vergangenen Schuljahr wurden 254 Gewaltdelikte an Berliner Schulen gezählt, davon 46 mit Waffen.

Polizeischutz gibt es für die Kepler-Schule nicht. „Ein gewisses Gewaltpotenzial ist da, aber das ist nicht größer als anderswo“, sagte die Polizei gestern. Der zuständige Abschnitt 54 sieht deshalb keine Notwendigkeit für besondere Streifen.

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