Berlin : Kermit dreht in Berlin

Berliner Werbefilmer ziehen Markenhersteller an – auch aus dem Ausland kommen viele Anfragen

Henrik Mortsiefer

VW, McDonald’s, Vodafone – in Berlin sind die großen Markenhersteller zu Hause. Nicht mit ihren Zentralen und Produktionswerken. In der Hauptstadt lassen sie großes Kino für ihre Produkte und Dienstleistungen herstellen: Werbefilme. Kermit, der Frosch aus der Muppet-Show, am Steuer des 1er-BMWs, der Flug mit dem Sparkassen-Hubschrauber, Skurrilitäten im Hornbach-Baumarkt – die TV-Spots kennt jeder, die Produzenten kaum jemand. Dabei hat sich Berlin zu einem bedeutenden Standort der Szene entwickelt, neben München, Hamburg und Düsseldorf. Neben? Manche in der Branche sagen, in Berlin liege das eigentliche, das kreative Zentrum des deutschen Werbefilms. Drei der zehn größten Produzenten haben hier ihren Sitz.

„Als Drehorte liegen Berlin und Hamburg klar vorne“, sagt Frank Siegl, Geschäftsführer von Markenfilm Berlin, einem Ableger des Marktführers (Umsatz: 42,5 Millionen Euro) aus Wedel bei Hamburg. In der ehemaligen Inselstadt im Grünen finde man Kulissen für jeden Zweck: Großstadt, Kleinstadt und dazu viel Landschaft ringsum. „Und es gibt bessere Schauspieler und Stylisten“, sagt Siegl, der zuletzt zwei neue Werbefilme für Hornbach in Berlin drehte. Darsteller, die nicht nur gut aussehen, sondern auch schauspielern können, die finde man in Berlin leichter als anderswo.

Das hat sich auch im Ausland herumgesprochen. „Es gibt eine Menge Anfragen, viele internationale Agenturen kommen gerne nach Berlin“, sagt Uwe Spiller, Geschäftsführer der Bigfish Filmproduktion, die unter anderem für die Werbeagentur TBWA Paris arbeitet. 1998 gründete der gebürtige Ostdeutsche zusammen mit Robert Gold Bigfish. „Berlin ist unsere Stadt, wir wollten was daraus machen“, beschreibt er seine Motivation. Es hat sich gelohnt. 2005 produzierte die GmbH 39 Werbefilme und machte mit elf festen Mitarbeitern 8,2 Millionen Euro Umsatz. Im Branchen-Ranking rückte Bigfish von Platz 16 auf Rang 8 vor.

Gute Locations, talentiertes Personal, niedrige Kosten – die Werbeagenturen haben das während der Flautejahre schätzen gelernt. „Berlin ist als Drehort immer noch angesagt, auch weil es günstiger ist als in Hamburg oder München“, sagt Thomas Heilmann, Vorstand bei Scholz & Friends, der größten Werbeagentur Berlins. Der Kostendruck der Unternehmen wirkt sich über die Agenturen bis zu den Werbefilmern aus. „Die Qualitätsansprüche sind gewachsen, nicht aber die Budgets“, sagt Uwe Spiller. 35 Millimeter statt Video, außergewöhnliche Darsteller statt 0815-Personal, Regie-Stars statt Jungfilmer. „Die Kunden sind vorsichtiger geworden“, bestätigt Frank Siegl von Markenfilm.

Das bekommt die gesamte Branche zu spüren. „Viele Firmen müssen für kleinere Budgets mehr Leistung erbringen“, sagt Uta Sabine Haerlin, Geschäftsführerin des Verbands deutscher Werbefilmproduzenten. 2004 hätten die 30 größten deutschen Werbefilmer rund 300 Millionen Euro Umsatz gemacht. „2005 dürfte es etwas mehr gewesen sein. Die Ertragslage bleibt aber weiter sehr angespannt.“ Zumal Berlin seinen Kostenvorteil nicht immer ausspielen kann. Wenn eine Firma etwa mit einem französischen Model in Australien einen Film produziere, „liegen die Kosten auf einem international üblichen Niveau“, sagt die Verbandschefin.

Für kleinere Produzenten geht der Spagat zwischen Sparzwang und Qualitätsanspruch an die Schmerzgrenze. Glücksmomente, in denen ein internationaler Konzern plötzlich Mut beweist und einem Newcomer ein großes Budget anvertraut, bleiben die Ausnahme. So zum Beispiel im vergangenen Jahr, als die kleine Kreuzberger Agentur International den siebenstelligen Etat von Coca-Cola gewann. Berliner Filmproduktionen seien durchaus international wettbewerbsfähig, sagt Thomas Heilmann von Scholz & Friends. „Aber es gibt wenige Berliner Regisseure, die es international geschafft haben.“ Ein bisschen Zeit müsse man den Kreativen eben lassen, warnt Frank Siegl. Berliner Regisseure seien im Schnitt jünger als der Branchendurchschnitt, aber deshalb nicht weniger gefragt. „Sie wachsen nach.“ Markenfilm beweist es am Kunden Hornbach, der seine schräge TV-Kampagne von dem 35-jährigen Producer Dimitrios Karras betreuen lässt.

Dass den Berlinern bei aller Professionalität der Humor nicht abhanden gekommen ist, zeigt die Jo!Schmid Filmproduktion. Im Internet empfängt sie typisch berlinerisch – in einer Döner-Bude. „Schmeckt gut?“, fragt ein Schnauzbärtiger und deutet auf die Speisekarte. Dort zeigt Jo!Schmid unbescheiden für wen man gearbeitet hat: West, Vodafone, Toyota, Aral und andere große Namen.

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