Berlin : Kerzenlicht nur noch auf Wunsch

Die Zeit der Bruchbude mit ausfallendem Strom, fehlender Klimaanlage und klapprigem Minifahrstuhl ist vorbei: Bundespräsident Horst Köhlers Amtssitz wurde für 24 Millionen Euro saniert Am Sonntag können die Berliner beim Tag der offenen Tür jetzt die neue Pracht und auch einen modernen Videokonferenz-Saal sehen. Dafür geht eine Tradition zu Ende – denn eine Präsidentenwohnung gibt es nicht mehr im Schloss

Anne-Dore Krohn

Als der norwegische König zu Besuch beim deutschen Bundespräsidenten war, saßen sie am Abend im Kerzenschein zusammen. Auch andere Staatsgäste erlebten den Präsidenten im Schummerlicht. Was nach besonders stilvollem Ambiente klingt, war jedoch eher Notlage als Tugend: im baufälligen Schloss Bellevue fiel oft der Strom aus. Staatsbesuche am Sitz des Bundespräsidenten wurden so zu einer Art Glücksspiel. Mal blieb der Aufzug stecken, dann wieder gab es kein Wasser, und im Sommer trieb die schlechte Klimatisierung Gästen den Schweiß auf die Stirn – die Nationalelf zum Beispiel erlebte 2002 ihren Besuch bei Johannes Rau als eine Art Saunagang. Roman Herzog, der einige Jahre in der zugigen Schlosswohnung lebte, beschrieb Bellevue folgendermaßen: eine „Bruchbude“, in der dauernd Licht und Strom ausfalle, „und stinken tut’s immer“.

Wenn Bundespräsident Horst Köhler das Schloss morgen am Tag der offenen Tür wiedereröffnet, ist die Zeit der Bruchbude vorbei. Fast zwei Jahre lang, seit Mai 2004, wurde das 10 000 Quadratmeter große Gebäude grundsaniert, umgebaut und mit einer neuen Haustechnik versehen. Gäste des Präsidenten können jetzt wieder in seinem Amtssitz empfangen werden und sichergehen, dass brennende Kerzen keine Notfallmaßnahmen mehr sind.

Die auffälligste Veränderung nach der 24 Millionen Euro teuren Sanierung: Bellevue ist nun ein reiner Amtssitz. Die Präsidentenwohnung im Südflügel gibt es nicht mehr. Horst Köhler wäre ihr zugunsten sicherlich auch nicht aus der derzeit genutzten Villa in Dahlem ausgezogen. Einzig Roman Herzog nutzte die Präsidentenwohnung im Schloss, die mit 95 Quadratmetern als „unpräsidial“ galt. Aus den Räumen im Südflügel sind nun Büros geworden, für Präsidentengattin Eva Luise Köhler, ihre Referentin und ihre Sekretärin. Auch ein Speisesaal für etwa 40 Gäste ist hier entstanden. Das Architekturbüro Pitz und Hoh, das für die Arbeiten zuständig war, bemühte sich, das denkmalgeschützte Schloss optisch nicht entscheidend zu verändern. Die bisher lindgrüne Eingangshalle wurde nach einem Vorschlag Köhlers hellocker gestrichen. Doch von außen strahlt die Schlossfassade im gewohnten Hellbeige.

Die Zeit war reif für die Renovierung: Sanitäre Anlagen, Heizung und Elektrik stammten aus den 50er Jahren und waren jahrelang nur notdürftig ausgebessert worden. Jetzt gibt es neue Strom-, Wasser- und Abwasserleitungen und eine neue Heizung. Auch ein Belüftungssystem und eine Luftbefeuchtungsanlage gehören zu den Modernisierungen: Besucher sollen vor Schweißausbrüchen geschützt sein, Gemälde und Parkettböden vor zu trockener Luft. Eine richtige Klimaanlage konnte jedoch nicht eingebaut werden, denn die Mauern des Schlosses sind nicht dick genug, um Installationen darin zu verbergen. Die Fundamente gaben während der Sanierung so manches Fundstück preis: Hinter einer Holzvertäfelung klebten Ausgaben des Tagesspiegels aus den 50er Jahren als Makulatur an der Wand. Ein halbes Jahrhundert später konnten die Bauarbeiter nachlesen, wie 1958 die Queen Theodor Heuss im Buckingham Palace empfangen hatte.

Bei Staatsbesuchen von Ehepaaren können die Köhlers nun gemeinsam mit ihren Gästen Aufzug fahren, früher passten in die kleinen Kabinen nur zwei Personen gleichzeitig. Abgesehen vom besseren Komfort kann sich hoher Besuch nun auch viel sicherer fühlen als zuvor: Elektrisch betriebene Rollos versperren potenziellen Attentätern die Sicht in hell erleuchtete Räume. Die Fenster in Köhlers Arbeitszimmer sind aus Panzerglas, Türen und Räume werden mit Kameras überwacht.

Als Bundespräsident Köhler die Baustelle das erste Mal besichtigte, fragte er, wo der Videokonferenzraum liegen würde. Geplant war ein solcher Konferenzraum zu diesem Zeitpunkt aber überhaupt noch nicht – nun liegt er im Erdgeschoss an der Rückseite mit Blick in den Garten. Auf dieser Seite des Schlosses ermöglichen neue Rampen Rollstuhlfahrern endlich problemlosen Einlass ins Schloss. Im Garten ist neben neu gepflanzten Bäumen nun auch eine Hubschrauberlandemöglichkeit hinzugekommen, zwar kein richtiger Landeplatz, aber immerhin mehr als das Provisorium zuvor.

Morgen um zehn Uhr ist es soweit: Horst Köhler nimmt den Schlüssel für das Hauptportal von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) entgegen. Die ersten 40 Gäste, so eine Sprecherin des Bundespräsidialamtes, will er persönlich durch das Schloss führen und ihnen die Räume und sein Arbeitszimmer im Erdgeschoss zeigen. Ab morgen weht dann auf dem Dach auch wieder die Bundesflagge, die anzeigt, ob der Präsident an seinem Amtssitz weilt.

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