Berlin : Kevin Allen Fuentes (Geb. 1989)

Schon mal übers Ausziehen nachgedacht? „Och nö, is doch schön hier.“

Thomas Loy

Kevin, dicka,... / ich stehe jeden tag an deinem unfallort ... / jeden tag man / ich verspreche dir mein freund ich werde dich niemals vergessen man!! / NIEMALS hörst du!! / Alter was wir hier für dich auf die beine stellen is unnormal krass...

Sie sind stolz auf die Wahrzeichen ihrer Trauer, Kevins Freunde aus Heiligensee. Einen Gedenkmarsch haben sie organisiert, mit Polizei und Pfarrer, zum Baum, an dem das Auto zerschellte, in dem Kevin saß. Das ist jetzt eine Pilgerstätte, mit Dutzenden Rosensträußen, Fototafeln und Liebesgrüßen. Nachts leuchtet sie glutrot durch den Tegeler Forst. Ein Rap-Requiem haben sie komponiert, zum Abspielen auf dem Handy. Eine Tanzperformance ist in Arbeit. Im Internet stehen Musikvideo-Nachrufe. Eine S-Bahn-Unterführung in der Nähe ist mit gewaltigen Lettern besprüht: „Rest in Peace“. Alles, damit Kevin nach seinem Tod nicht aus der Welt ist.

Kevins Freunde kommen zu „Chrissi“, seiner Mutter, um nicht allein zu sein mit ihren Gedanken. Einige schaffen es trotz der Beklemmung bis in den Keller, in sein Zimmer, das so verwildert aussieht wie immer. Fernseher, Boxen, Sessel, Werkzeug, Matratze, Schreibtisch, ein Futon-Lattenrost, Hanteln, leere Flaschen. Auf der Rückseite des PC-Bildschirms sind chromglänzende Buchstaben geklebt, die mal einer Limousine gehörten: „V 8 Kompressor“.

In Kevins Keller haben sie am Computer gespielt, DVDs geguckt oder gepokert, Klatsch beredet und entschieden, zum Treffpunkt an der Tankstelle oder gleich in die Disco zu fahren, ins „Halligalli“ oder ins „Ku’Dorf“, später vielleicht noch ins „Dante“, und am nächsten Morgen dann in Mircos Garage, um an den „Gölfen“ zu basteln. Einen alten VW Golf wollte Kevin auch bald fahren. Er hatte zwar noch keinen Führerschein, aber genügend Praxis. Im Urlaub an der Nordsee, in St. Peter-Ording, auf der großen Sandbank, da durfte er sich in Mamas Auto schon mal ausprobieren.

Kevin hatte viele Freunde, um die er sich kümmerte. Und dazu fast immer eine Freundin. War noch niemand da, wenn er nach Hause kam, rief er jemanden an. Oder er klickte sich in den Internet-Chatraum der „Holy Lakers“.

Zu Hause, sagen alle, war Kevin eher wortkarg und passiv, unterwegs drehte er dann auf. Er liebte Radfahren bei Regen, wenn die Erde aufspritzte, ziellos mitten durch den Wald. Vor einigen Monaten fing er eine Ausbildung zum Heizungs- und Sanitärtechniker an. Jeden Morgen früh um fünf aufstehen und mit der S-Bahn nach Zehlendorf. Kevin, der früher öfter die Schule geschwänzt hatte, hielt tapfer durch. Er war jetzt 18. Seine Mutter fragte ihn, ob er schon mal übers Ausziehen nachgedacht habe. Kevin zögerte kurz, grinste und lehnte ab. „Och nö, is doch schön hier.“

Im letzten halben Jahr war er fast jeden Tag mit Mirco zusammen. Eine tolle Zeit, sagt Mirco. Sie verstanden sich wie Zwillinge, bis hin zu den Klamotten. Reebok Classics-Schuhe, schwarzes Hemd von H & M, Blue Jeans und die „Pornosonnenbrille“. Wichtig war, das Hemd an einer Seite in die Hose zu stecken und an der anderen raushängen zu lassen. Beim gemeinsamen Gölfe-Schrauben in Mircos Garage trugen sie immer umgedrehte Basecaps.

Das Heiligste unter seinen Textilien war für Kevin ein schwarzer Kapuzenpullover mit funkelnden Swarowski- Steinen. Dafür hatte er so viel Geld ausgegeben, dass er sich schämte, es seiner Mutter zu beichten. Auf der Brust war ein großes Logo zu sehen, eine Pistole, kreisförmig umrahmt von zwei Textzeilen: „Nobody moves, Nobody dies“. Ein Gangster-Motiv aus der Hiphop-Szene. Den Pulli haben sie zu Kevin in den Sarg gelegt.

Der Haarschnitt war bei allen gleich: seitlich kurze Borsten, oben ein hochfloriger Teppich, mit Pomade gehärtet. Kevin hat auch mal blonde Strähnen ausprobiert, aber seine Freunde zogen nicht mit, also musste die Tönung wieder raus. In seinem weichen Gesicht dominierten große schwarze Augen und ein Mund, der beim Lachen weit über sich hinauswuchs. Die Haut hatte einen dunklen Teint, weil die Familie des Vaters, eines ehemaligen US-Soldaten, aus Mexiko stammte. Für Kevin gab es keinen Bedarf an zusätzlicher Bräune, trotzdem ging er mit den anderen regelmäßig ins Sonnenstudio. Und zum Krafttraining, denn ein paar Muskeln, zumindest ansatzweise, verlangten die Mädchen einfach. Weil man davon Hunger bekommt, gingen sie anschließend noch rüber zu McDonalds oder in den 24-Stunden-Dönerladen in Alt-Tegel.

Im Dönerladen klangen auch die Disco-Nächte aus. Danach fuhren sie durch den Wald zurück ins tief schlafende Heiligensee, nach Hause.

Kevin war immer der Beifahrer. Zu seinen Aufgaben gehörte es, CDs einzulegen und die Red-Bull-Medizin gegen Müdigkeit am Steuer zu verteilen. Diesmal hatte S., den Kevin auch täglich sah, ein Kumpel mit Führerschein, den Alfa Romeo „Spider“ seines Vaters ausgeliehen. Kurz hinter der Abzweigung nach Heiligensee war die Fahrt zu Ende. Was genau passierte, weiß niemand. S. liegt noch schwer verletzt im Krankenhaus.

Kevin ging nach dem Heimkommen immer ins Schlafzimmer der Mutter und sagte: „Ich bin wieder da“. So war es verabredet. An jenem Morgen klingelte die Polizei. Thomas Loy

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