Khodr Ramadan : "Meine Schauspielschule war Kreuzberg 36"

Schauspieler Kida Khodr Ramadan sagt über seine Rolle als Gangster im Neukölln-Film "Knallhart": "Ich habe einen gewissen Heimvorteil."

Kida, ich hab Dich letztens im Kiez mit einem Kinderwagen gesichtet. Du bist Vater?



Korrekt. Stolzer Vater von drei reizenden Mädchen - zwei, fünf und sechs Jahre alt.

Und Du hattest eine weibliche Begleitung dabei.

Wenn nicht meine Mutter, dann wird das meine Frau gewesen sein. Wo hast Du uns gesehen?

Kreuzberg ist eben klein - am Paul-Lincke-Ufer. Deiner Filmografie habe ich entnommen, dass Du 1976 in Beirut geboren bist. Wie hat es Dich und deine Familie hierher verschlagen?

Meine Familie lebte vorher jahrzehntelang im Libanon in Wohlstand und Frieden. Mein Vater war erfolgreicher Geschäftsmann bei "Persil Libanon Ltd.", wir hatten ein Haus. Plötzlich änderte sich die Lage. Ich wurde mitten in die Anfänge des schwelenden Bürgerkrieges hineingeboren, in dem sich Christen und Moslems gegenseitig massakrierten. Wir wohnten im Ostteil der Stadt, dort, wo von Beginn an die schwersten Kämpfe herrschten. Richtig schlimm wurde es, als die Syrer mit ihrer Armee anrückten. Wir verloren dabei viele Verwandte, beinahe auch unseren Vater. Er wurde von Bombensplittern getroffen und an den Beinen verletzt. Für ihn war dann klar: entweder Australien oder Deutschland.

Wie kam es letztendlich zur Entscheidung, in die Bundesrepublik zu flüchten?

Das Visum für Deutschland war zuerst da. Meine Eltern packten alles ein und fuhren mit dem Auto zum Flughafen. Das Auto ließen wir einfach an Ort und Stelle stehen. Von dort ging es dann direkt ins Asylantenheim nach Kreuzberg.

Obwohl dein Vater für eine deutsche Firma gearbeitet hat?

Als der Krieg anfing, warst du als Mensch plötzlich nichts mehr wert. Die Firma zog sich zurück, ohne Almosen. Mein Vater begann hier wieder von ganz unten. Für 75 Pfennig pro Stunde rackerte er sich ab. Dennoch schaffte er es später, sich eine Kette von Steakhäusern aufzubauen.

Reist Du öfters zurück nach Beirut?

Seitdem ich Flugangst habe nicht mehr so oft. Ein Großteil meiner Familie lebt noch heute dort. Libanon ist so ein chaotisches Land. Es ist hektisch, es ist furchtbar unordentlich. Nach wenigen Tagen will ich eigentlich nur noch nach Berlin zurück. Allerdings leben die Menschen dort viel lebendiger als hier: jeder Tag, jede Nacht wird ausgiebig gelebt, fast schon zelebriert. Wenn ein Libanese 100 Dollar in der Hand hält, kommt der Schein nicht in die Spardose, sondern wird sofort ausgegeben. Scheiß egal was morgen ist. Die ständige Angst vor einer Rückkehr des Krieges steckt tief und fest in den Köpfen der Leute. Der Krieg hat zwar Gebäude und Fassaden zerstört, aber nicht die Menschen und ihren Lebenswillen.

Siehst Du Dich deiner Herkunft entsprechend als Libanese?

Als meine Agentin mir davon erzählte, wusste ich gar nicht wer Detlev Buck war. Emre Erhan, der den Drogenboss Hamal spielt, hat mir dann klar gemacht, dass Buck nicht Bundesliga, sondern Champions League ist. Viele Leute beim Casting hatten großen Respekt vor dem Namen. Ich hatte zwar auch Respekt, aber ich hab mir nicht gleich in die Hose gekackt. Ich will mit solchen Größen zusammenarbeiten und nicht den Kopf einziehen. Die Gespräche mit Buck liefen prima - locker und produktiv. Von da an nannte er mich bereits Barut. Da spürte ich, dass er mich haben will. Auf der letztjährigen Berlinale erhielt ich die Zusage. Fortan recherchierten wir im Vorfeld zusammen. Meine Szenen sollten ja eigentlich in einem Cafe gedreht werden. Buck erfuhr, dass ich ab und an in einem Wettbüro abhänge. Den einen Tag kam er dann vorbei und zeigte sich vom Flair beeindruckt. Er schrieb doch tatsächlich die Szene um und setzte mich in ein Wettbüro. Das Milieu wurde so viel authentischer beschrieben. Dafür liebe ich ihn! Der Mann hat ein gutes Auge. Du bietest ihm was an, er wägt ab, wenn es ihm nicht gefällt, sagt er "biete mir was anderes an" - das ist für mich wahre Regie.

Wie empfandest Du die überwiegend positive Resonanz bei der Berlinale?

Das hat uns enorm bestätigt. Nur ist der Film in der falschen Sektion gelaufen. Wäre er im Wettbewerb gelaufen, wäre er ein sicherer Kandidat für die Bären gewesen.

Wer glaubst Du, schaut sich deinen Film ab dem 9. März an?

Ich hoffe junge und ältere Zuschauer. Schulklassen vielleicht.

Fühlen sich nicht insbesondere Jugendgangs à la Erol & Co. (Gang im Film - Anmerk. d. Red.) bestätigt, wenn sie den Film sehen?

So und so. Es ist halt so, dass manche Leute nur wegen den Gangs kommen und die geil finden. Oder wegen den Namen Buck und Elvers-Elbertzhagen. Oder aufgrund des Medienrummels. Ich hoffe, der Film klärt auf, lenkt weitere Aufmerksamkeit auf die Probleme einiger Gegenden.

Mit welchen Kollegen würdest Du gerne mal was machen?

Mit Robert de Niro, Harvey Keitel und Al Pacino. Nicht zu vergessen eine Liebesszene mit Salma Hayek.

Oh, hoch hinaus. Hollywood, ja?

Vor allem möchte ich mehr Rollen spielen, die nicht immer diesem Klischee entsprechen. In Deutschland ist das sehr schwer. Ich hoffe bald so wiederkehrende Rollen wie Schwester-darf-nicht-heiraten-und-ich-bin-der- große-Bruder, der-Deutsche-fickt-meine-Schwester-und-ich-bring-ihn-um oder den klassischen Dönerbuden-Verkäufer nicht mehr imitieren zu müssen. Bis es soweit ist, muss ich aber noch allerhand Quantensprünge machen.

Was sind schauspielerische Tabus für Dich?

Im Fernsehfilm "Yugotrip" (mit Stipe Erceg) habe ich eine Frau vergewaltigen müssen. Dazu musste ich mich ganz schön überwinden. Die Szene war aber wichtig, da sie im Balkankrieg spielte. Ob ich das noch ein zweites Mal mache, weiß ich nicht. Ansonsten lehne ich alles ab, was irgendwie mit Pädophilie zu tun hat, egal was. Außerdem bleiben Arsch und Penis in der Hose.

Wie verbringst Du abseits der Karriere deine Zeit?

Viel mit der Familie. Abends gehe ich gerne ins türkische Teehaus, wo ich mit Bekannten um Getränke Karten spielen - eine schöne Abwechslung. Ansonsten bin ich leidenschaftlicher Boule-Spieler. Ich war in der Vergangenheit schon mehrmals Berlin-Meister. Die BZ-Zeitung ist ein Mal zu mir gekommen, um was darüber zu schreiben - Titel am Ende: "Boule therapiert kriminellen Jungen". Den Journalist, der das geschrieben hat, habe ich leider nie gefunden. Das türkische Kreuzberg-Klischee wird noch lange in den Köpfen herumgeistern, da werden wir aber gegenhalten.

Ich danke Dir für dieses Gespräch.


Das Gespräch führte Oliver Jesgulke. ()

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